Datum: 15.02.10 14:51
Kategorie: Kultur-Film

Von: simon INOU

Kinshasa Symphony: Rezension eines hervorragenden Films

(c) Vincent Boisot - Riva Press

Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo ist nicht der Ort wo man erwarten würde, dass ein Orchester Werke von Handel, Verdi oder Beethoven spielt. Aber ein Symphonie Orchester aus leidenschaftlichen Musikern trotzt den Tatsachen seit 1994. Am 17. Februar läuft der Film zum ersten Mal als "Berlinale Special". 

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Die neunte Symphonie von Beethoven in neun Porträts

"Wenn der Strom ausfällt lasse ich mein Instrument fallen." so spricht Joseph Masunda Lutete in "Kinshasa Symphony", dem aktuellsten Film von Claus Wischmann und Martin Baer. Joseph Masunda Lutete, von Beruf Friseur, spielt Bratsche und ist gleichzeitig der Elektriker des Orchestre Symphonique Kimbanguiste (OSK) in der  kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Er ist einer von 9 Musikern, die in diesem Film porträtiert werden. Neun ist kein Zufall. Das Filmteam begleitet monatelang das Orchester, das seinem ersten großen öffentlichen Konzert in Kinshasa geben entgegen arbeitet. Die Apotheose dieses Konzertes und des Film ist die gelungene Interpretation der neunten, letzten und vollendeten Symphonie des Komponisten Ludwig van Beethoven. 

Stromausfälle sind nicht die einzige Herausforderung des Orchesters. Die Musiker sind echte Bastler. Eine Violinsaite ist gerissen? Dann ersetzen sie diese durch Bremszüge eines Fahrrads. Eine D-Glocke fehlt im Orchester? Eine Autofelge ersetzt sie perfekt. Ältere Trompeten werden geschnitten um andere zu reparieren. Vor allem die Genialität von Albert Matubanza, Direktors des Orchesters ist verblüffend. Er demontiert einen alten Kontrabass um die Anatomie dieses Instruments zu lernen und selbst einen Kontrabass für das Orchester zu bauen. Und schafft es. 

 

Musik hilft dabei den schwierigen Alltag zu transzendieren

 

Die alltäglichen, existenziellen Sorgen der einzelnen porträtierten MusikerInnen sind sehr groß. Nathalie ist alleinerziehende Mutter, von Beruf Dekorateurin für Hochzeiten. Während der Dreharbeiten hat sie Geld- wie Wohnungsprobleme. Beide Eltern sind schon gestorben und sie schöpft Energie aus der Gemeinschaft sowie aus dem Spielen der Flöte und des Saxophons. Und sie träumt, dass eines Tages ihr Sohn auch Musiker sein wird. Vielleicht wird er auch die Musik seine Landes eines Tages systematisch verschriftlichen? 

Den Alltag transzendieren. Das ist das Motto des Chefdirigenten und ausgebildeten Piloten Armand Diangienda. Im Jahre 1994 wurde der Autodidakt und Multiinstrumentalist  arbeitslos, und kam auf die Idee, das Orchester zu gründen. Er erinnert sich: „Am Anfang waren wir zwölf Junge, die Violine lernen wollten. Es waren aber nur fünf Violinen zur Verfügung.“ Also wurde im Schichtbetrieb gelernt und geübt. Armand Diangienda ist Enkel von Simon Kimbangu. Simon Kimbangu war ein christlicher Geistlicher, Religionstifter und Märtyrer. Seine Anhänger gründeten die Kimbanguistenkirche. Der Kimbanguismus ist eine Strömung, die sich innerhalb des Christentums des Kongo seit 1921 entwickelt hat. Seine Eminenz Diangienda, erstes geistliches Oberhaupt der Kirche des Kimbanguismus, definiert ihn als "das Christentum, das aus den Taten und Lehren des Simon Kimbangu sich ergibt". 

Klassische europäische Musik galt immer als "Musik der Weißen, zu der man nicht tanzen kann"

Mitten im Lärm und Chaos von Kinshasa, eine der am schnellsten wachsenden Megastädte der Welt, leistet die OSK die hervorragende Arbeit, klassische Musik zu popularisieren. Und das in einem Kontext, in dem diese Art von Musik als "Musique-des-blancs-qu´on-ne-peut-pas-danser" (Musik der Weißen, zu der man nicht tanzen kann.) nicht wirklich verankert ist. Einer der Porträtierten, Héritier Mayimbi Mbuangi, der die erste Geige im  Orchesters spielt, findet aber, dass es „afrikanische Rhytmen bei Beethoven“ gibt.  

Ich selbst bin mit dem Vorurteil aufgewachsen "wir Afrikaner haben Musik im Blut". Viele afrikanischen Musiker spielen ohne Noten lesen zu können. Was für die Zukunft der eigenen Kompositionen verhängnisvoll ist. Wenn der Musiker stirbt, stirb auch seine Musik mit ihm, weil nichts geschrieben wurde für die folgenden Generationen. Tolle Musikstücke von Franco, Fela Kuti werden nur für unsere Ohren schön zu hören sein. Das Spielen dieser Musik außerhalb Afrikas bleibt sehr schwierig. Daher plädiere ich für eine systematische Verschriftlichung afrikanischer Musik. Balafonspieler Mamadou Diabate hat diese Tatsache längst erkannt. Noten seiner Balafonstücken sind im Internet abrufbar.

Der Film von Claus Wischmann und Martin Baer beglückt durch eine feinsinnige Abstimmung zwischen Bild/Text/Musik und Schnitt, die von einem neugierigen, mitdenkenden und einfühlsamen Blick geprägt ist. Der Film zeigt Kinshasa hier und jetzt, wie das Leben vor Ort gestaltet wird. jenseits von Jammernden und Hilfe um Bittenden, die wir aus Nachrichten und Werbung gewöhnt sind. Der Film ist ein seriöses Werk über die Popularisierung der klassischen Musik im afrikanischen Kontext. Ein Dokumentarfilm voller Leben, Freude und Gestaltungskraft in einer Umgebung voller Leiden und Perspektivenlosigkeit. Diese wird Dank der Gemeinschaft und den einzelnen AkteurInnen möglich, die durch die Musik für kurze Zeit den zahllosen alltäglichen Problemen entkommen – und getröstet und gestärkt in den Alltag zurückkehren können. 

Film wird klassische europäische Musik in Afrika popularisieren: Das ist gut so

Für Musikkenner bleibt Kinshasa seit den 50jahren die musikalisch sprudelnde Hauptstadt Afrikas. Von hier hat das musikalische Genre Soukous den ganzen Kontinent bis in die Mitte der 90er erobert. Hoffentlich wird dieser Film dazu beitragen, viele Menschen in anderen afrikanischen Ländern zu motivieren, ihren eigenen Weg, vielleicht ähnliche dem Weg des großartigen Orchesters von Kinshasa zu gehen. Weil der Kontinent musikalisch mehr kann, als was wir uns vorstellen können.  

Kinshasa Symphony zeigt, wie Menschen in einer der chaotischsten Städte der Welt es geschafft haben, eines der komplexesten Systeme menschlicher Zusammenarbeit zu schmieden: ein Symphonie Orchester.  

 

 

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Die Porträtierten des Orchestre Symphonique Kimbanguiste (OSK):

Joseph Masunda Lutete, Bratsche /Lichttechniker

Albert Nlandu Matubanza, Direktor des Orchesters

Nathalie Bahati, Flötistin

Armand Diangienda, Chefdirigent

Tresor Wamba, Chor

Mireille Kinkina, Chor

Heritier Mayimbi Mbuangi, Violin

Papy Nkituzeyi, Tuba

Josephine Nsimba, Cello

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Bild: Vincent Boisot

Riva Press

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web:

http://www.kinshasa-symphony.com/

Orchestre Symphonique Kimbanguiste







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