Kategorie: Kultur-Literatur

Buch Cover
In Angel Tungarazas Fotoalbum finden sich weder Familienmitglieder noch bemerkenswerte Ereignisse, die es sich lohnt, auf Zelluloid fest zu halten. Wenn sie einem der zahlreichen Gäste ihr Album reicht, versinken diese in eine Landschaft aus Biskuitsäulen und Schokoladestreuseln, überdacht von bunten Glasuren und verwegen gesponnenem Zucker. Ihre Kuchen sind Kunstwerke und sie ist in Kigali so etwas wie der Geheimtipp für eine gelungene Party. Gefeiert wird wieder in Kigali, jede Gelegenheit bietet eine willkommene Einladung, um Kuchen zu bestellen.
In den vierzehn Kapiteln des Buches werden vierzehn Kuchen gebacken, keiner gleicht dem anderen. Und Angel Tungaraza lauscht den Geschichten ihrer Kunden, ihrer Nachbarinnen, deren unterschiedliche Nationalitäten und Sprachen wie ihre Kuchen einen verheißungsvollen Traum in einem vielschichtigen Ambiente versprechen.
Die Autorin Gaile Parkin skizziert in ihrem Roman über die Ereignisse in Ruanda nach dem Genozid keine paradiesischen Zustände. Viel mehr ist es ein Versuch, Alltag und Überleben in einer Gesellschaft darzustellen, die sich das Unerklärbare des Grauens nicht erklären kann.
Der Völkermord von 1994 ist die Zäsur, die das Leben in Ruanda prägt. Wissenschaftliche und literarische Erklärungen über die Ursachen und Auswirkungen der Ereignisse von 1994 wurden verfasst, Filme gedreht, Interviews geführt und internationale Hilfsorganisationen engagiert.
Das kleine Ruanda einigte sich auf eine gemeinsame Sprache, Kinyarwanda, und begann mit dem, was man den Wiederaufbau eines Landes nennt.
In diesem historischen Moment ist der Roman eingebettet. Umsichtig und behutsam schildert die Autorin den Blick in die Zukunft Ruandas, die „Versöhnung“. Die unterschiedlichen Charaktere, die die Autorin skizziert, symbolisieren die unzähligen Ansätze für ein gemeinsames Bestreben, das Grauen aufzuarbeiten. Wer mit der Literatur über den Holocaust vertraut ist, wird viele Parallelen finden. Allein die allgegenwärtige Frage, die sich bei einem harmlosen Spaziergang nicht aus dem Gedächtnis verdrängen lässt, wer von den Passanten, die einem in Kigali begegnen, Täter und Zeuge war.
Die Protagonistin, Angel Tungaraza, ist die Frau eines Wissenschaftlers aus Tanzania, der an der Universität in Kigali arbeitet. Sein Engagement in Ruanda hat auch finanzielle Gründe, denn er und Angel sorgen nach dem Tod ihrer beiden Kinder, für ihre fünf Enkelkinder. Mit dieser Lücke in einer Familie, die eine Generation lässt, bringt Gaile Parkin einen zusätzlichen Aspekt in das literarische Kaleidoskop über die großen Themen der Aufarbeitung und Verdrängung. HIV und die vielen Strategien, damit umzugehen sind ein weiteres zentrales Motiv dieses Romans.
Wenn wir Angel Tungaraza durch die Straßen von Kigali begleiten, dann lernen wir die heitere und traurige Seite dieser Stadt kennen.
Während sie süßen Tee mit Kardamom brüht, ihre Gäste in ihrem Fotoalbum blättern, kommt sie den Menschen in Ruanda und der Geschichte ihrer Familie näher. Einen Augenblick dürfen wir daran Anteil haben.
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Gaile Parkin, Kuchen backen in Kigali, Ullstein Verlag, 2009,
ISBN-13: 9783550087806, 352 Seiten, Euro 17,40



