Datum: 22.10.09 20:27
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Assia Djebar: Nirgendwo im Haus meines Vaters

Stolz zeigt ein kleines Mädchen ihrem Vater ihre Fortschritte im Erlernen des Fahrradfahrens. Seine Reaktion verstört und beschämt das Kind. Er sieht lediglich ihre unbedeckten Knie und nicht den Stolz in ihren Augen. Erst viele Jahre später wird die Erwachsene sich wieder auf ein Fahrrad setzen. Und lange Zeit nach diesem Ereignis wird dieses Mädchen über ihren Vater und die Tochter, die sie war, einen autobiographischen Roman schreiben.

„Nirgendwo im Haus meines Vaters“ gleicht einem archäologischen Ort. Schicht um Schicht legt Assia Djebar die Erinnerungen, Sehnsüchte und Illusionen ihrer Kindheits- und Jugendjahre frei.

1936 wird Fatima-Zohra Imalayène geboren. Die Familie lebt in Cherchell, einer kleinen Stadt in der Nähe von Algier, wo ihr Vater als Lehrer arbeitet. Eindrucksvoll schildert die Autorin die Auswirkungen der geteilten Welten der französischen und arabischen Bevölkerung. So kann der chronologisch aufgebaute Text auch als historisches Dokument bis ins Jahr 1953 gelesen werden. Die dramatischen Ereignisse des Jahres 1954 in Algerien kündigen sich bereits an.

Die Virtuosität der Autorin Privates und Politisches zu verknüpfen, kulminiert in einem intimen Bekenntnis. Ein versuchter Suizid der Siebzehnjährigen nach einer selbstbewussten Auseinandersetzung mit ihrem heimlichen Verlobten, veranschaulicht die Realität der Lebenswelten der Frauen. Ihr letzter Gedanke gilt dem Vater, der das niemals erfahren sollte. In dieser Szene spiegelt sich die Widersprüchlichkeit der Beziehung zwischen Tochter und Vater. Im Haus des Vaters herrscht ein für damalige Verhältnisse unüblicher partnerschaftlicher Umgang mit den weiblichen Mitgliedern der Familie. Gleichzeitig gelingt es nicht, sich den Tabus und Normen der Gemeinschaft zu entziehen.

Wenn die dreijährige Fatima ihre verhüllte Mutter durch die Straßen von Cherchell begleitet, ahnt sie bereits, dass sie und dieses Stück Stoff ihre schöne Mutter schützen sollen. In der poetischen Beschreibung der weiblichen Lebenswelten klingen die Restriktionen mit.

Die wechselnden Erzählperspektiven und der ironische Ton in manchen Passagen verhindern den Eindruck eines herkömmlichen autobiographischen Bekenntnisses. Assia Djebar hat einen politischen Roman vorgelegt, der mit ihrem persönlichen Lebensweg verwoben ist.

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Assia Djebar: Nirgendwo im Haus meines Vaters, 2009, S. Fischer Verlag, 448 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-10-014500-0, Aus dem Französischen von Marlene Frucht, Preis € (A) 22,60

 







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