Datum: 25.05.10 13:11
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Buchrezension: Afrika wird arm regiert von Volker Seitz - Exemplare zu gewinnen

Buch Cover

„Afrika wird armregiert“ von Volker Seitz 

Seit 1960 floss die Summe von sechs Marshallplänen in die Entwicklungshilfe am afrikanischen Kontinent. Diese Zahl hat der in Ghana geborene Wirtschaftswissenschafter George Ayittey errechnet. Das Ergebnis dieser Geldtransfers ist dürftig. Noch immer wird der afrikanische Kontinent als der Kontinent der Katastrophen, Kriege und nicht lösbarer Kalamitäten erlebt.

Volker Seitz verbrachte siebzehn Jahre seiner diplomatischen Laufbahn in Afrika, zuletzt war er deutscher Botschafter in Kamerun. Mit „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen könnte“ hat er eine Analyse seiner Erfahrungen und Beobachtungen vorgelegt. Strikt fordert er ein Umdenken der so genannten Geberländer. Ein umfassendes Kontrollsystem der Geldflüsse sowie klar ausgehandelte Bedingungen und Verbindlichkeiten mit den jeweiligen afrikanischen Regierungen sollen eine andere Perspektive und Effizienz in die Entwicklungszusammenarbeit bringen.

Die Thesen sind nicht neu. Afrikanische WissenschafterInnen fordern regelmäßig ein radikales Umdenken und klagen die zweifelhaften Abkommen mit der Regierungselite an.

Neu ist lediglich, dass ein westlicher Diplomat so offen über die Versäumnisse der westlichen Regierungen schreibt. Abhängigkeiten zu schaffen, die von vornherein zu noch mehr Abhängigkeiten führen, scheint ein einhelliges Prinzip der gegenwärtigen Entwicklungszusammenarbeit zu sein. Die wachsende Bereicherung der jeweiligen Machthaber in afrikanischen Staaten wird geflissentlich übersehen. Dabei ist einfach nachzuvollziehen, wohin das Geld in zahlreichen afrikanischen Staaten wandert. Etwa 400 Milliarden Dollar landen laut Berechnungen der UNCTAD (Welthandels- und Entwicklungshilfe-Konferenz der UNO im Jahr 2007) im Ausland.

Ein weiterer Aspekt der Misere sei die Tatsache, dass die Regierungen der Geberländer keine ernsthafte Partnerschaft mit den afrikanischen Staaten pflegen. Die Doppelmoral der Regierungen der Industrieländer zeigt sich vor allem in der Landwirtschaft. Die hohen Subventionen für Baumwolle in den Industrieländern und die restriktiven Marktzugangsbestimmungen für afrikanische Baumwollproduzenten verhindern die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten wie Mali, Benin, Burkina Faso oder Kamerun.

Kritisch betrachtet Volker Seitz auch die gigantische Entwicklungshilfe-Industrie, die ein Selbstläufer ist. Etwa 40000 Organisationen engagieren sich in Afrika in der Entwicklungshilfe. Nachgewiesen werden kann, dass jährlich Millionen an Spendengeldern in emotionale Werbekampagnen, Konferenzen in feudalem Ambiente oder Gutachten fließen. Die entstandene Hilfsbranche ist allerorts ein Tabuthema. Ein kolportiertes Zitat der afrikanischen Eliten zeigt die Situation der selbst ernannten Helfer und ihrer Nutznießer: „You pretend to help us and we pretend to develop.“

 Die Jugend Afrikas und die Frauen des Kontinents sieht der Autor als Potential einer Veränderung. Konkrete Investitionen in Bildung und Ausbildung, die Schaffung einer Infrastruktur, bei der die Hilfe obsolet wird. Eines der zahlreichen Beispiele, die angeführt werden, ist Ruanda. 45 von 80 Abgeordneten sind Frauen. Die Hauptstadt hat eine Bürgermeisterin. Hotelmanagerinnen, Unternehmerinnen und Diplomatinnen prägen das Bild. Die „Washington Post“ titelte in einem Artikel über die fortschrittliche Entwicklung in Ruanda „Women run the Show“.

Mehrmals fordert Volker Seitz einen Blick nach vorne ein, 50 Jahre nach der Unabhängigkeit seien die Länder Afrikas in ihrer Eigenverantwortung zu sehen. Der Kolonialismus sei keine Entschuldigung für die jetzige menschenverachtende Politik der Eliten.

Die durchaus ambitionierte und differenzierte Argumentation verliert sich hier. Die Ursache für gegenwärtige Probleme lässt sich durchaus aus der Zeit des Kolonialismus erklären. Europa und Afrika verbindet eine grausame Geschichte, die zu großen Teilen von der aus europäischer Sicht - „Minderwertigkeit“ der Afrikaner - bestimmt war. Allein der in vielen europäischen Sprachen gängige rassistische Unterton, wenn von AfrikanerInnen die Rede ist, verrät die Unmöglichkeit von schnellen Lösungen. 50 Jahre ist keine lange Zeitspanne.

Auch der Autor spricht von „Schwarzafrika“, das es im Grunde genommen nicht gibt, allein in der europäischen Vorstellungswelt. Afrika ist kein homogenes Gebilde. Es gibt zahlreiche Staaten südlich der Sahara. Volker Seitz erwähnt auch immer wieder verschiedene „Stämme“. Auch hier handelt es sich um ein europäisches Konstrukt. Dieses Wort existiert in keiner afrikanischen Sprache, es existiert lediglich in der jeweiligen Kolonialsprache, und wird auch nur von Sprechern dieser verwendet. Ein gutes Beispiel wie sehr sich die Kolonialzeit bis in die Gegenwart auswirkt und wie kurz 50 Jahre sind.

Volker Seitz hat mit seinem Buch die Unausweichlichkeit des Scheiterns der Entwicklungszusammenarbeit untermauert. Er hat auch aufgezeigt, es gibt eine mutige Bevölkerungsschicht, die die korrupte Elite mit Humor und Witz betrachtet und gerade dadurch eine ernsthafte Partnerschaft möglich macht. „Guten Morgen, ihr korrupten Minister und Beamten“, so begrüßt ein Radiosender in Mali seine ZuhörerInnen.

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Afrikanet verlost 2 Exemplare dieses Buches, Email an redaktion(at)afrikanet.info genügt

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Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann. dtv, 2009, ISBN: 978-3-423-24808-2







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