Datum: 11.08.10 21:04
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Buch: Rassismus auf gut Deutsch

„Das habe ich nicht so gemeint“, ist die am häufigsten verwendete Antwort von Personen, die auf eine diskriminierende Sprachhandlung aufmerksam gemacht werden. Sprechende versuchen so, eine Tabula rasa von Gesagtem herzustellen.

Sprache ist kein neutrales Medium, sie verändert sich ständig. Sprachliche Handlungen schaffen eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die nie die oft zitierten „Objektivitätskriterien“ erfüllt. Durch gewählte Formulierungen werden Anschauungen und Wirklichkeitsvorstellungen aktiv hergestellt. Diskriminierung beschränkt sich nicht nur auf eindeutig rassistische Sprachhandlungen oder Schimpfwörter. Sie kommt weit häufiger verschleiert und versteckt vor.

Die vielen Formen der Zusammenhänge zwischen Rassismus und Sprache haben die beiden Wissenschafterinnen Adibeli Nduka-Agwu und Antje Lann Hornscheidt veranlasst, AutorInnen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen einzuladen. Entstanden ist ein umfangreiches kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen in deutschsprachigen Gesellschaften.

Am anschaulichsten lassen sich die Veränderungen in der Bedeutung von Worten und Begriffen in deutschen Wörterbüchern nachlesen. Hier wird deutlich, dass die kritische kontinuierliche Auseinandersetzung mit rassistischen Begriffen, die Benutzungspraxis keineswegs verändert. Das Konzept von Macht und Sprache, in dem die Dominanzgesellschaft sprachliche Diskriminierung festschreibt und reproduziert, manifestiert sich in Wörterbucheinträgen. Wer im Duden unter dem N-Wort nachschlägt – wobei allein die Tatsache, dass dieses Wort in einem Wörterbuch zu finden ist, schon gesellschaftspolitisch relevant ist – wird mit der Möglichkeitsform konfrontiert: „wird häufig als diskriminierend empfunden“. Etwa 30 Jahre Sprachkritik führen letztendlich zu einem diffusen Eintrag. Es liegt in der Verantwortung der Sprechenden, ständig reflexiv ihren Sprachgebrauch zu überdenken.

Die Analyse von Begriffen wie „Tropenmedizin“, „Schwarzafrika“, „Ausländer_innen“, „Eskimo“ u.v.a., die in Medien, Schulbüchern, Liedern, kurzum im alltäglichen Sprachgebrauch gängig sind, diagnostiziert eine strukturelle Verankerung von Rassismus in den deutschsprachigen Gesellschaften.

Deutlich wird diese Tatsache in der ausführlichen Thematisierung von Begriffen, die nicht eindeutig rassistisch konnotiert sind, wie z. B. „Weltreligion versus Animismus“. Hier wird unterschwellig die „höher“ entwickelte europäische „Zivilisation“ transportiert. Aufgrund einer stereotypen Zuordnung werden Menschen vereinheitlicht.

Die gegenwärtig von politischen Handlungsträgern geforderte „Integration“ von zugewanderten Personen impliziert diese unbegründete Sehnsucht nach Vereinheitlichung in anderer Form. Im Grunde wird eine uneingeschränkte Anpassung an die kollektiv suggerierte „überlegene“ Gesellschaft gefordert. Paradoxerweise entsteht durch die Konstruktion eines „Wir“ und des „Anderen“ eine Differenz, die der als „anders“ konstruierten Person unterstellt, Defizite an „deutschem Wissen“ zu haben.

Alle Beiträge in diesem Buch vermitteln die unbehagliche Tatsache, dass jedes Wort eine Bedeutung hat, die über die „Gemeinte“ und „Gesagte“ hinausgehen kann. Es liegt in der Verantwortung des individuell Sprechenden, aus welcher Perspektive und in welchem Kontext wir sprachliche Handlungen setzen. Es gibt immer sprachliche Alternativen.

Im letzten Beitrag des Buches beschäftigt sich Adibili Nduka-Agwu mit der Macht der Bilder. Nicht nur Worte reproduzieren in ihrer konkreten Verwendung Rassismus, „unterschiedliche Bilder reproduzieren und tradieren rassistische Vorstellungen“. Sie plädiert, basierend auf dem Konzept „look back“ von bell hooks, für ein widerständiges Sehen - jenseits der tradierten Normen. Widerständiges Sehen und widerständiges Sprechen müssen täglich trainiert werden. Dieses Buch begleitet diejenigen, die die vielfältigen Formen des täglichen Wider_Redens und Wider_Sehens benennen wollen.

 

Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen von Adibeli Nduka-Agwu und Antje Lann Hornscheidt. Verlag Brandes & Apsel, 560 Seiten, ISBN: 978-3-86099-643-0







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