Kategorie: Kultur-Literatur

Kingston, Jamaika, 1898. Der Buchdrucker Thomas Kinsman, der sein Gewerbe auf hohem Niveau beherrscht, hat sich auch als Verleger einen Namen gemacht. Er ermutigt seine Mutter ihre Erinnerungen an die Zeit der Sklaverei auf den Zuckerrohrplantagen aufzuschreiben. Und während auf der anderen Seite der Welt unzählige Menschen Zucker – importiert aus Jamaika – in ihre Teetassen schütten, erhebt July ihre Stimme, „geradeheraus“ wie sie ihrem Publikum ohne Umschweife mitteilt.
Die betagte Miss July erzählt von den Grausamkeiten der Sklaverei in einer archaisch poetischen Sprache und die immer wieder angesprochenen „geneigten“ Leser sind beschämt und amüsiert. Nein, dieser Roman ist nicht witzig und keine Lektüre für zwischendurch. Die Grausamkeiten und Folgen der Sklaverei setzen sich durch die akzentuierte Darstellung der Protagonistin in den Knochen der Lesenden fest. Und doch gelingt es der Autorin, dass die Lesenden hin und wieder laut auflachen.
Die umfangreichen Recherchen der Autorin haben vor allem die vielen alltäglichen widerständigen Handlungen der Unterdrückten aufgezeigt. Die Kreativität und Kontinuität der Rebellion hat Andrea Levy virtuos in ihrem für den Booker Prize 2010 nominierten Roman „Das lange Lied des Lebens“ dokumentiert.
Angesiedelt um den Wendepunkt der Abschaffung der dreihundertjährigen Sklaverei in Jamaika ist dieser Roman der erste, in dem die Autorin keine autobiographischen Elemente verarbeitet. Während in ihrem mehrfach ausgezeichneten Werk „Eine englische Art von Glück“ die Einwanderungsgeschichte ihrer Eltern thematisiert wird, hat sie sich hier eine fiktive Geschichte ihrer Ahninnen erschrieben.
Die Idee zu diesem Buch entstand nach einer Konferenz, auf der eine junge Frau fragte, wie sie denn auf ihre Vorfahren stolz sein könne, wo sie doch Sklavinnen gewesen seien. Mit
der Protagonistin July hat Andrea Levy eine Figur geschaffen, die mehr als eine fiktive Chronistin der Zeit ist. July ist eine stolze, unbeugsame und widersprüchliche Heldin. Ihre Fähigkeit, optimistisch in eine ungewisse Zukunft zu blicken, beeindruckt nicht nur ihren Sohn.
July, die als Kleinkind von ihrer Mutter getrennt wird, verliert nie ihren Glauben an eine positive Veränderung. Als sie für ihren Sohn nicht sorgen kann, überlegt sie genau, wem sie ihr Kind anvertrauen wird. Widerständig und geradlinig geht sie in ihr Leben und bewahrt ihre großen Geheimnisse bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihrem Sohn wieder begegnet.
Eines der Geheimnisse steht exemplarisch für die untrennbare Verbindung der Geschichte der Inseln mit der Geschichte Großbritanniens. Mit weiser Ironie untermauert Andrea Levy die Barbarei der Kolonialgeschichte. Dass diese Ironie nicht verloren gegangen ist, ist der sorgsamen Übersetzung von Hans Christian Oeser zu verdanken.
Wenn uns July am Ende ihres „langen Liedes“ zuzwinkert, können wir die junge Frau sehen, die auf der Konferenz an ihren Vorfahren gezweifelt hat. Sie stimmt stolz in den Gesang ein.
Andrea Levy, Das lange Lied eines Lebens. DVA 2011;
ISBN: 978-3-421-04483-9,aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, 368 Seiten, Euro 20,60.



