Kategorie: Kultur-Literatur

Méréana Rangi hat schnell gelernt, was sie vermeiden muss, um sich die Finger nicht wund zu schlagen. Mit ihr versammeln sich täglich fünfzehn Frauen am Ufer des Flusses und klopfen Steine. Im Rhythmus des Klopfens vergeht der Tag.
Steine klopfen ist kein einträgliches Geschäft. Die Mehrzahl der Frauen sieht diese Arbeit als Übergangslösung. Sie zählen die Säcke mit Schottersteinen und rechnen, wie lange sie noch an den Ufern des Flusses verweilen müssen. Als die Nachfrage nach Schottersäcken steigt und die Händler täglich mit ihren Lastern vorfahren, hört Méréana Rangi im Radio, dass die Regierung einen Flughafen bauen wird. Der Zusammenhang mit der erhöhten Nachfrage nach Schottersteinen liegt auf der Hand und die Frauen beschließen, den Preis für die Schottersäcke zu erhöhen.
In der Tradition des sozialkritischen Romans skizziert der Autor Emmanuel Dongala die nationalen Auswirkungen einer lokalen Initiative, die getragen ist von der Solidarität einiger weniger Frauen, die einen gerechten Lohn fordern. Aus der Perspektive seiner Protagonistin Méréana Rangi erzählt Emmanuel Dongala die Lebensgeschichten der Frauen. Seine Figuren siedelt er nahe an der sozialen Realität an. Sie sind gebildet, wie etwa Ma Bileko, einst eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die nach dem Tod ihres Mannes von seiner Familie verstoßen wird und alles verliert. Sie haben die Sprache der ehemaligen Kolonialbeamten nie gelernt, wie etwa Bilala, die sich mit traditioneller Medizin beschäftigt und als Hexe stigmatisiert wird. Sie tragen ein grausames Geheimnis mit sich herum, wie Batatu, die junge Mutter von Zwillingen.
Sie ist das erste Opfer des Arbeitskampfes. Bei einer Demonstration der Frauen setzen die überforderten lokalen Behörden militarisierte Polizei ein und Batatu wird angeschossen. Ihr qualvoller Tod steht am Ende des Kampfes und ist gleichzeitig der Beginn der Durchsetzung der Forderungen der Frauen.
Wie kaum ein anderer Autor hat Emmanuel Dongala seine Fiktion in eine politische Dimension gesetzt. Er bringt in humorvollen Dialogen das zweifelhafte Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit politischem Dominanzverhalten. Wie eng Herrschaft, Korruption und die Bereitschaft zu Gewalt verwoben sind, beschreibt der Autor mit beeindruckender Gelassenheit. Dongalas sprachliche Virtuosität manifestiert sich in der Demaskierung eines Systems von nach außen demonstrierter Souveränität und nach innen praktizierter Unterdrückungsmechanismen. Parallelen zur Geschichte von Kongo-Brazzaville scheinen beabsichtigt.
Der Autor wurde 1941 geboren, als das Land noch als Französisch-Kongo in den Weltkarten verzeichnet war. Nach seinem Studium der Chemie in Frankreich und den USA lehrte er an der Universität in Brazzaville. 1998, bei Ausbruch des Bürgerkriegs, flüchtete er in die USA. Die vielfältigen Zwischentöne im vorliegenden Roman zeigen auf, wie differenziert Emmanuel Dongala auf seine Heimat blickt.
Méréana Rangi findet sich im Büro der Frauenministerin wieder, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Sympathie für die Frauen aus dem Steinbruch entwickelt. Zusätzlich wirkt sich der Umstand, dass die Präsidentengattinnen einiger afrikanischer Staaten zu einem Treffen erwartet werden, positiv auf die Forderungen der Frauen aus. Dem wachsenden internationalen Medieninteresse begegnen die Frauen mit Integrität und es ist Bilala, die in Kikongo die Presseerklärung abgibt.
„Du hast mir eine Hoffnung gegeben“, lässt der Autor eine der Frauen am Ende des Romans sagen. Emmanuel Dongala hat von fünfzehn Frauen, „der Hoffnung des Kontinents“, ein Gruppenfoto in einem Steinbruch gemacht. Widersprüchlicher und gewitzter lässt sich der alltägliche Widerstand von afrikanischen Frauen nicht darstellen.
Der Peter Hammer Verlag war so freundlich und hat ein Gewinnexemplar des Buches für unsere LeserInnen im Raum Wien zur Verfügung gestellt.
Emmanuel Dongala, Gruppenfoto am Ufer des Flusses, aus dem Französischen von Gió Waeckerlin-Induni, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2011, ISBN: 978-3-7795-0314-9
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