Datum: 14.06.10 19:53
Kategorie: Kultur-Musik

Von: DIE WELT/CHRISTIAN BROECKING

Wynton Marsalis über Rassismus, Jazz und die Seele der USA

Wynton Marsalis in Wien (2006)

"Ich eigne mich nicht für die Neger-Rolle"

 

Wynton Marsalis, der einflussreichste Jazzmusiker unserer Zeit, über Rassismus, demokratische Musik und die Seele Amerikas

VON CHRISTIAN BROECKING

Er gilt als der unermüdlichste Jazzvermittler der Gegenwart. Der 1961 in New Orleans geborene Trompeter hat sich mit seinem puristischen Musikverständnis allerdings nicht nur Freunde gemacht - Miles Davis schmiss ihn einmal von der Bühne. Christian Broecking traf Wynton Marsalis zu einem Gespräch in seinem Apartment mit Konzertflügel und Panoramablick über den Dächern New Yorks.

Die Welt: Man sieht Sie Arm in Arm mit Obama, Sie treten im Weißen Haus auf und gelten als der wichtigste Sprecher für den Jazz in den USA. Sie sind also in einer Position, die Veränderung

Wynton Marsalis: Eben, und das ist die VeränderungDass wir jetzt endlich mal über die Musik sprechen. Wir können die Rassenproblematik nicht auf der Bühne von Jazz At Lincoln Center lösen. Die Konstruktion schwarzer Menschen ist schon irrig genug. Wie viel Prozent Neger-Blut braucht es genau, ein Schwarzer zu sein? Wie spielt ein schwarzer Trompeter, der bei einem deutschen Immigranten studiert hat - halb weiß, halb schwarz?

Die Welt: Glauben Sie, dass Sie die Grenze zwischen klassischer Musik und Jazz durchbrechen?

Marsalis: Daran arbeite ich. Ich sehe vor allem, dass unsere Konzerte gut besucht sind und dass das Publikum unsere Musik liebt. Die Kritiker respektieren mich, das gefällt mir. Sir Simon Rattle weiß, was los ist. In seiner Londoner Zeit kam er mit seiner damaligen Frau zu einem unserer Konzerte und tanzte mit ihr zu unserer Musik. Mit Daniel Barenboim habe ich in Chicago zusammen gespielt und mit Kurt Masur in New York. Das sind außergewöhnliche Menschen und die fragen michWarum klingt dein Orchester so gut? Wo hast du so großartige Musiker gefunden?

Die Welt: In Ihrer Diskografie gibt es Kompositionen für Orchester, für Big Band, Septett und Quartett, für Streichquartett und Kammerensemble. In Berlin werden Sie jetzt Ihre "Swing Symphony" aufführen. Alles, was Sie komponieren und spielen, hat seine Basis im Jazz. Ist das Jazzgefühl ein revolutionäres Gefühl?

Marsalis: Ich richte mich ausschließlich nach meinen Erfahrungen und meinem Willen. Die Entdeckung neuer Formen in der Kunst bei Picasso und Schönberg - das waren revolutionäre Veränderungen in einer anderen Zeit. Jazz dient den Menschen zur Vergewisserung ihrer selbstEr zeigt ihnen, woher sie kommen. Das finde ich bedeutender als sich dem Zwang auszusetzen, neue Formen entdecken zu müssen. Dazu eignet sich der Jazz nur sehr begrenzt.

Die Welt: Also was reizt Sie denn so am Jazz?

Marsalis: Jazz bedeutet die Kreation von Blues-basierten Melodien durch eine harmonische Form, über die improvisiert wird, bedeutet Swing und Gruppendialog, bedeutet, etwas Gewöhnliches hip werden zu lassen. Wenn ich von Jazz rede, meine ich die Musik der Demokratie, von Menschen, die zusammenkommen und gemeinsam etwas schaffen.

Die Welt: Es ist schon auffällig, wie sehr Sie Ihr Werk mit der Thematisierung schwarzer Erfahrung verknüpfen. Empfinden Sie die Last der Tradition manchmal als Bedrohung?

Marsalis: Ich wurde 1961 geboren und bis zu meinem zwölften Lebensjahr lebte ich in einer schwarzen Community. In der Gegend gab es drei schwarze Football-Teams und sieben weiße. Die schwarzen gewannen nie, wir durften zwar spielen, aber ja nicht gewinnen. Wir wurden also immer gezielt benachteiligt. Ich erinnere mich gut, wie ich meinem Vater sagte, dass ich das so nicht akzeptieren wolle - aber er lachte nur und sagte, so sei das eben mit dem Fortschritt. Als mein Vater jung war, waren schwarze Teams zum Wettkampf überhaupt nicht zugelassen. Der Fortschritt bestehe halt darin, dass man jetzt dabei sei, aber auch, dass die Diskriminierung sichtbar wird.

Die Welt: Vor drei Jahrzehnten wäre es noch undenkbar gewesen, dass ein Afroamerikaner eine Leitungsfunktion am Lincoln Center hat. Zufrieden?

Marsalis: Ich eigne mich so gar nicht für die Neger-Rolle. Doch es ist bestimmt ein Zeichen von Fortschritt, dass ich diese Position am Lincoln Center habe, aber damit ist das Problem des Rassismus leider nicht erledigt. Als der Fernsehsender ABC vor zehn Jahren dokumentieren wollte, wie sich der Rassismus heute äußert, gab es gar nicht genügend Sendeplätze, um die Ergebnisse vorzuführen. Ich habe als Kind erlebt, wie es ist, als Nigger beschimpft zu werden - dafür gibt es keine Löschtaste. Der heutige Rassismus läuft viel subtiler.

Die Welt: Wie denn?

Marsalis: Nehmen wir den Terminus Black Music. Wenn ein Weißer etwas erfindet, nennt man das amerikanisch. Wenn ein Schwarzer etwas erfindet, nennt man das schwarz. Was ist das Problem mit diesem Begriff? Sprechen wir lieber von amerikanischer Musik. Oder sollen wir das Flugzeug, das Telefon oder die klassische Musik weiß nennen? Ein Diskurs über Kultur ist von dem über Rasse nicht zu trennen, das hat eine lange Geschichte in diesem Land. Der Rassismus ist derart tief in den Menschen verankert ist, dass man sich dessen gar nicht bewusst sind.

Die Welt: Aber Sie betonen doch selbst immer, dass es schwarze Musiker sind, die Jazz spielen.

Marsalis: Weil es eine Tatsache ist. Die meisten Aufsichtsratsvorsitzenden sind weiße Amerikaner, die klassischen Orchester - alles weiße Amerikaner. So ist das nun mal. Aber nächstes Jahr könnte ein Schwarzer auftauchen, der diese Tradition mit einem großen Werk fortführt. Macht die Tatsache, dass Beethoven weiß war, sein Werk zu einem weißen Werk? Nein. Macht die Tatsache, dass Jazz vornehmlich von Schwarzen erfunden wurde und bis heute getragen wird, diese Musik zu Black Music? Nein. Sie ist amerikanische Kunst. Wenn wir Amerika sagen, meinen wir das alle in diesem Land Verbindendeamerikanische Ideologie, Demokratie und den diesem Land eigenen Optimismus. Alles andere ist weiße Paranoia. Und die werde ich nicht bedienen.

Die Welt: Sie haben Jazz at Lincoln Center zu der mächtigsten Jazz-Institution Amerikas ausgebaut. Das jährliche Budget liegt bei weit über 40 Millionen Dollar, doch auch der Druck, die hohen Ausgaben aufzubringen, ist immens. Pro Saison ist JaLC in 3000 Aktivitäten involviert, einen Großteil nehmen dabei Unterrichtsprogramme ein.

Marsalis: Tatsächlich sind wir in vielen Bereichen überaus erfolgreich gewesen. Dass die Kritik das meistens ignoriert, hindert uns nicht. Wir haben einen Lehrplan mit 120 Songs entwickelt, der von der Louis Armstrong-Stiftung mit 2,4 Millionen Dollar gefördert wurde. Wir nutzten das Geld von Louis Armstrong, um Kinder zu unterrichten. Die Lehrer schicken uns heute Videos, wie sie mit dem von mir geschriebenen Lehrplan vorankommen, die Reaktionen sind überwältigend.

Die Welt: In Ihrem neuen Buch, "Jazz, mein Leben" (Siedler Verlag) sprechen Sie sich gegen die experimentellen Jazzformen aus, die im Laufe der Sechziger- und Siebzigerjahre entstanden sind. Auch Fusion haben Sie immer abgelehnt. Neben Louis Armstrong und Duke Ellington und Ihrem eigenen Netzwerk lassen Sie eigentlich nichts wirklich gelten. Das klingt sehr rückwärtsgewandt.

Marsalis: Mag sein, aber bedenken Sie1905 schon sind die Jazz-Paradenbands in New Orleans in Uniformen aufgetreten, 1935 spielte Duke Ellington in den großen Tanzhallen - "clean", wie wir sagen. Der Musiker ist wie ein öffentlicher Diener, hier geht es um die Kunst des Repräsentierens, um Respekt. Die Leute kommen in dein Konzert, um sich wohl zu fühlen. Deshalb ziehen wir uns vernünftig an und spielen so gut wir können.

Die Welt: Der Hurrikan Katrina hatte im Frühherbst 2005 Ihre Heimatstadt weitgehend zerstört. Die ersten Fernsehbilder zeigten erschreckende Aufnahmen von obdachlosen Afroamerikanern, die offenbar zurückgelassen worden waren. Erst fünf Tage später kam organisierte Hilfe. Sie haben sich dann für den Wiederaufbau engagiert.

Marsalis: Diese Erfahrung hat mein Leben verändert. Schwarze Menschen flimmerten wie Geister über die Fernsehbildschirme und ihre Hilferufe und Fragen nach dem Verbleib der Väter, Mütter, Schwestern und Brüder visualisierten die vielen ungelösten Probleme, die seit der Sklaverei den amerikanischen Alltag prägen. Doch die New Orleanser sind bekanntlich Blues-Menschen, sie sind unverwüstlich, und deshalb bin ich mir auch so sicher, dass die Stadt weiterleben wird. Meine Familie blieb zum Glück unversehrt, doch ihrer Häuser wurden weitgehend zerstört. 2000 professionelle Jazzmusiker haben ihre Existenzgrundlage verloren, unersetzbare Dokumente des Jazz sind vernichtet worden. Es geht dabei nicht nur um den Wiederaufbau meiner Heimatstadt, sondern um die Seele Amerikas. Ich hoffe immer noch, dass New Orleans sogar noch schöner als zuvor werden wird - und zwar ohne die Ignoranz des Rassismus, die beklagenswerten Bedingungen der Armut und den Mangel an Bildung und Ausbildung, jene grässliche Fäulnis eben, die sich seit der Sklaverei in vielen amerikanischen Großstädten ausgebreitet hat.

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Quelle: DIE WELT







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