Datum: 10.04.09 17:27
Kategorie: Medien-Print

Von: Karin Heuer

Afrikabilder zwischen Afro-Romantismus und Afro-Pessimismus

Louis Henri Seukwa - (c) HAW

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa: "Afrikabilder in Deutschland lassen sich unter zwei Kategorien subsumieren: Afro- Romantismus und Afro- Pessimismus"

 

 

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Am 15. September 2008 im Rahmen Veranstaltungsreihe "Globalisierung vor Ort" sprach Karin Heuer mit dem aus Kamerun stammenden Erziehungswissenschafter Prof. Dr. Louis Henri Seukwa der Hamburger Hochschule für Angewandte  Wissenschaften. 

1. Welches sind aus Ihrer Sicht, Professor Seukwa, hier bei uns die vorherrschenden Bilder vom afrikanischen Kontinent?  

Wenn wir unter dem Begriff Bilder nicht nur die piktographischen Elemente sondern alle diskursiven Produktionen d.h. einen Wissenskorpus verstehen, der durch diverse mediale Darstellungen, gesellschaftliche Praktiken sowie politisches Handeln über Afrika als Kontinent und die Afrikaner in Deutschland produziert wird, dann müssen wir feststellen, dass diese Bilder überwiegend negativ sind. Die Stichwörter, die aus diesen Bildern hervorgehen, womit Afrika in der Imagination der Öffentlichkeit assoziiert wird, sind wohl bekannt: Armut, Hunger, HIV, Analphabetismus, Korruption, Diktatur, Bürgerkriege, Staatzerfall,  Naturkatastrophen etc. Kurzum kristallisieren die Gesellschaften Afrikas in dieser diskursiven Produktion nahezu all das heraus, was für die hiesige Gesellschaft zu vermeiden gilt bzw. im Prozess ihrer Entwicklung schon überwunden wurde.  

2. In wie weit – oder besser gesagt wie – formen und prägen diese Bilder unsere Beziehungen zu Afrika?  

 

Die diskursiven Produktionen über Afrika (Bilder) lassen sich unter zwei Kategorien subsumieren: Afro- Romantismus und Afro- Pessimismus. Die eine apologetisch, naturalisierend und kulturalisierend hebt die positiven Eigenschaften der originellen „Afrikanischen Traditionen“ hervor (was auch immer diese sein mögen) und fokussiert dabei vornehmlich das Vor-Koloniale Afrika, wobei der „Afrikaner“ als „edler Wilder“ bzw. „Naturmensch“ dargestellt wird. Die andere pejorativ, rassistisch und arrogante stellt den Afrikanischen Kontinent als Sammelbecken von Mängeln an zivilisatorischen und kulturellen Eigenschaften dar, die im Besitz der sog. entwickelten Gesellschaften sind, wobei der „Afrikaner“ als „böse, bzw. Taugenichts Wilder“ präsentiert wird. Konstant in diesen beiden Positionen ist jedoch der „Wilde Afrikaner“ sei er edel, böse, oder unfähig. Diesem und seiner Gesellschaft kann fortan zum Eintritt, Verbleib und Weiterentwicklung in die menschliche Geschichte nur durch „Entwicklungshilfe“ des Westens verholfen werden; so wie es früher schon mit der christlichen Missionierung und der Kolonisierung des afrikanischen Kontinents der Fall war. Bekanntlich positioniert sich der Westen selbst auf der Entwicklungsleiter ganz oben. Diese Bilder sind sehr mächtig. Sie sind die Kategorien d.h. die Brille, wodurch viele Europäer Afrika und die dort stammenden Menschen wahrnehmen und betrachten. Anders formuliert, erst durch diese Bilder wird „ein Afrika“ konstruiert, das als legitimes Objekt der europäischen Intervention erscheint, nämlich das „unterentwickelte“ Afrika. Die unverschämten Bilder, womit die sog. Entwicklungshilfe Organisationen um Spenden der deutschen Öffentlichkeit für „gute Zwecke“ in ihren verschiedenen Interventionsgebieten in Afrika werben sind u. a.  eine Parade-Illustration einer solchen Konstruktion.  

3. Sie und ich und wahrscheinlich alle anderen Anwesenden auch, wünschen sich ein möglichst gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Europa und Afrika. Dazu gehört auch das Voneinanderlernen. Was können wir hier aus Ihrer Sicht z.B. aus der Kulturgeschichte Afrikas lernen?  

Die Formulierung „Kulturgeschichte“ gefällt mir! Denn sie suggeriert zweierlei: Zunächst, dass Afrika mehr als ein Rohstoffreicher Kontinent ist. Es dürfte eine Binsenweisheit sein, dass kein Land der Welt nachhaltig im Konzert der Nationen mächtig geworden ist allein, weil es im Besitz von großen Mengen an natürlichem Reichtum ist. Im spezifischen Fall Afrikas sind sich inzwischen alle seriösen historischen Beobachter sogar darüber einig, dass diese natürlichen Reichtümer aufgrund ihrer strategischen Bedeutung im Kontext der globalen Marktwirtschaft zum großen Teil Ursache vieler politischer Konflikte und menschlichen Elends dort sind. In diesem Zusammenhang wird von dem „Paradox of Plenty“ gesprochen. Dies gesagt, ist es anderseits aufgrund der schon erwähnten negativen Konstruktionen Afrikas im europäischen Kontext bzw. in Deutschland (Konstruktionen, die übrigens schon auf die Periode der Aufklärung mit Autoren wie Hegel, Montesquieu etc. zurückzuführen sind) nicht selbstverständlich hier ohne weiteres diesen Kontinent mit dem Begriff „Kulturgeschichte“ in Verbindung zu bringen.  Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass Afrika nicht nur die Wiege der Menschheit ist sondern auch eine der ersten, längsten und mächtigsten Zivilisation der menschlichen Geschichte nämlich die ägyptische Zivilisation hervorgebracht hat und dass diese Zivilisation keine spontane Genesis war sondern Produkt der Diffusions- und Kristallisationsprozesse innerhalb afrikanischer Kulturen, die in ihren Entstehungsgebieten auf verschiedene Art und Weise u. a. in der Gestalt von großen Reichen wie Songhai, Gao etc. bis ins 18 Jh. blühten, dann und nur dann wird es nachvollziehbar gar selbstverständlich, dass Afrika eine Kulturgeschichte produziert hat, die für Europa lernenswert ist. Nun bin ich der Meinung, dass es nicht einfach ist in diesem Rahmen mit der uns knapp zur Verfügung stehenden Zeit die Frage, unter welchen Aspekten diese facettenreiche Kulturgeschichte Afrikas für Europa bzw. Deutschland heutzutage von Interesse sein kann, zu beantworten. Wir können uns jedoch exemplarisch auf ein Beispiel beschränken: Der Bildungsbereich. angesichts der Misere der schulischen oder formellen Bildung in Deutschland wie die wiederholt beschämenden Ergebnisse im internationalen Vergleich es bewiesen haben sowie die daraus entfachte Debatte über die Fähigkeit dieser Institution den Heranwachsenden allein mit Kompetenzen auszustatten, die notwendig sind für ihre gesellschaftliche Teilhabe und Weiterentwicklung, können wir in der Tat eine Menge von der sog. afrikanischen „traditionellen Erziehung“ lernen. Diese war, um es mit vertrauten Begriffen zusammen zu fassen, nicht nur ganzheitlich im Sinne Pestalozzis sondern auch und vor allem Lebenswelt-, Sozialraum- und Kompetenz- orientiert. In dieser Weise wurde die Klippe der Vermittlung von fragmentiertem und abstraktem Wissen ohne Bezug zur Lebenswelt der Lernenden, - was heutzutage im hiesigen Bildungssystem stark kritisiert wird- umschifft. Beispiele wie diese sind ebenfalls in anderen kulturellen Gebieten wie, Medizin, Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion etc. zu finden. 

4. Was also müssen wir bzw. muss Europa tun oder vor allem lassen, um wirkliche, echte Partner Afrikas zu werden? Wo sehen Sie hierfür die größten Chancen? 

Es ist sehr schwierig sich unter den heutigen Bedingungen eine „echte“ Partnerschaft zwischen Afrika und Europa vorzustellen, denn die Machtverhältnisse sind so ungleich zum Vorteil Europas, dass es nur irrealistisch sein kann sich Gedanken über nicht asymmetrische Beziehungen zu machen und dies umso mehr, als die Geschichte uns lehrt, dass es in den internationalen Beziehungen nicht um Freundschaft, Philanthropie und ähnliches geht sondern um eigene Interessen, die die Mächtigsten bekanntlich rücksichtslos zu vertreten vermögen. Realitätsnäher wäre in diesem Zusammenhang eher die Frage welches Interesse Europa an der Beendigung des Elends in Afrika haben kann. Die Antwort unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsperspektive dürfte in diesem Kreis nahe liegend sein. Denn viele lokal auftretende Probleme wie Flüchtlingsströmungen, Klimawandel, Terrorismus etc. sind global verursacht und ihre nachhaltige Bewältigung auch nur global möglich.  

5. Und zu guter Letzt: Wenn sie Marketing-Chef der Afrikanische Union wären, mit welchen Bildern würden Sie dann für diesen Kontinent werben?  

Mit den Bildern von Millionen Frauen und Männern in Afrika auf unterschiedlicher gesellschaftlicher Ebene, die in extrem schwierigen Bedingungen alltäglich mit unglaublichem Einfallsreichtum den Widrigkeiten des Lebens trotzen. Diese Überlebenskünstler sind meines Erachtens der gute Samen, aus dem heute eine hoffnungsvolle Zukunft Afrikas erwachsen  kann.   

 

Zur Person:

Louis Henri Seukwa (Prof. Dr. Phil) studierte Philosophie mit dem Schwerpunkt Epistemologie (Erkenntnistheorie) und dem Wahlfach Erziehungswissenschaften an der Universität Yaoundé in Kamerun. Er promovierte 2005 an der Universität Hamburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Dr. Seukwa war von 1999 bis 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter und beschäftigte sich im Rahmen verschiedener Projekte am Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg  und im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main mit bildungstheoretischen und bildungspolitischen Fragen von MigrantInnen und Flüchtlingen. Seit 2007 ist er Professor für Erziehungswissenschaften an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.







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