Datum: 01.07.09 21:00
Kategorie: Medien-Print

Von: Ferda Ataman

Heinrich Böll Stiftung: Mehr Vielfalt in den Medien

Heinrich und Thomas hatten es in ihrer Kindheit nicht immer leicht. Ihr Lehrer sprach von "Elenden, die in der Schule nur Ärger bereiten". Ihre Mutter stammte aus Brasilien und die Lübecker Kaufmannsfamilie war damit Ende des 19. Jahrhunderts irgendwie anders als alle anderen. Erst als die beiden Söhne namens Mann später weltberühmte Autoren wurden - Thomas Mann erhielt sogar den Nobelpreis -  interessierte sich niemand mehr für ihren brasilianischen Migrationshintergrund.


Das ist nur eine von vielen Anekdoten, die bei der Tagung "Medien - Vielfalt nutzen! -  Perspektiven der Selbstorganisation" am 19. Juni 2009 in Berlin erzählt wurde. Eine andere ist die der iranisch-stämmigen Journalistin Marjan Parvand, die als junges Mädchen in der Hamburger Vorstadt vergeblich nach dunklen Haarklammern suchen musste. Die Tagesschau-Redakteurin bezeichnet es schmunzelnd als "Fortschritt", dass Drogeriemärkte in Deutschland heute neben goldgelben Haaraccessoires auch solche für Dunkelhaarige führen.


Geschichten wie diese gehören zum Alltag von Menschen aus Einwandererfamilien. Und sie führen, wie bei Parvand, zu einer sensiblen Wahrnehmung der deutschen Wirklichkeit. Doch während jeder fünfte Einwohner in Deutschland einen so genannten Migrationshintergrund hat, sieht die Wirklichkeit in den Redaktionen und Chefetagen der Meinungsmacher ganz anders aus: In der deutschen Medienlandschaft hat nur jeder Fünfzigste einen fremd klingenden Namen. In Tageszeitungen liegt die Quote sogar bei nur einem Prozent. Damit diese Verödung nach über sechzig Jahren Bundesrepublik ein Ende findet, haben sich Ende 2008 rund 200 Journalisten im Netzwerk "Neue deutsche Medienmacher" zusammengeschlossen.


Bei der Tagung, die in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, hat sich der junge Verein vorgestellt und den Dialog mit anderen Medieninitiativen gesucht. Denn in klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder Kanada, aber auch in Europa wird längst über Ansätze zu mehr Vielfalt in den Medien diskutiert. Quoten, neue Netzwerke, Stipendien - mit all diesen Fragen beschäftigen sich Initiativen wie MIRA-Media in den Niederlanden oder M-Media im Nachbarland Österreich bereits seit einiger Zeit. Dass ein regelmäßiger internationaler Austausch wie bei dieser Tagung sinnvoll ist, hat sich schnell gezeigt.

Der „biodeutsche“ Faktor

Die Erkenntnisse der Tagung: Die  christlich-abendländische Norm, die im deutschen Fernsehen, in Radiostationen, Zeitungen und Zeitschriften transportiert wird, ist längst gesellschaftlich überholt. Muslime sind mehr, als das Bild einer verschleierten Frau auszusagen vermag. Und jemand mit dem Namen Asli kann deutsch sein.


Die "biodeutsche" Weltanschauung funktioniert in der Realität unserer Einwanderungsgesellschaft einfach nicht mehr. Beispielhaft verdeutlichte dies der Autor und Journalist Mark Terkessidis am „Grundbestand“, dem festgelegten Literaturkanon deutscher Bibliotheken mit Heine, Grass und Böll, der nach seiner Ansicht die literarische Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland nicht mehr widerspiegelt. Allgemeinbildung geht heute über den Tellerrand hinaus – wer diese Entwicklung verpasst, riskiert sinkende Einschaltquoten.


Aus diesem Grund engagieren sich die Neuen deutschen Medienmacher, damit es bald mehr Kameraleute, Fotografen, Redakteure und Blattmacher mit Migrationshintergrund gibt. Dafür muss zunächst entsprechender Nachwuchs gefördert werden. Die Medienmacher stehen daher als Mentoren aus allen Branchen bereit, etwa für die Teilnehmer des Stipendienprogramms „Junge Migrantinnen und Migranten in den Journalismus“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Seit dem Beginn des Programms vor zwei Jahren nehmen 17 StipendiatInnen teil, wobei die Stiftung mit der Förderung von 40 – 50 Nachwuchskräften rechnet. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Neue deutsche Medienmacher als Vorbilder für den Journalismus als berufliche Perspektive werben.


Doch selbst, wenn die Zahl der gelernten Journalisten aus Einwandererfamilien steigt, braucht es noch etwas Wesentliches: Ein neues Selbstverständnis in einer traditionell sehr elitären Berufssparte, wo sich zu 90 Prozent Sprösslinge aus Akademikerfamilien tummeln. Den Medien muss klar werden, dass die Zukunft der Branche auch im Diversity Management liegt, wie es neudeutsch heißt. Ohne mannigfaltige Journalisten keine vielseitige Spiegelung der Realität.

Migrationshintergrund – Qualifikation oder Nachteil?

Der Weg zu einem neuen Selbstverständnis in den Medien ist jedoch lang. Das zeigte nicht zuletzt die Diskussion mit dem Medienwissenschaftler Ulrich Pätzold und Kai Gniffke, dem Chefredakteur von ARD-Aktuell. Laut Pätzold fällt es Journalisten mit Migrationshintergrund immer noch schwerer als anderen, einen Job in den etablierten Redaktionen zu bekommen. Für Gniffke dagegen sind Neueinstellungen "nur eine Frage der Qualifikation", Journalisten aus Einwanderungsfamilien hätten es bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten weder schwerer noch leichter. Und: "Der Migrationshintergrund ist an sich noch keine Zusatzqualifikation", so Gniffke auf dem Podium. Deshalb berücksichtige er ihn bei Auswahlgesprächen nicht positiv.

Dabei kann Vielfalt an sich durchaus sexy sein. Das erklärte Brigitta Gabrin, Projektleiterin des Internetradios "multicult 2.0".  Nach der Schließung des RBB-Senders Multikulti seien die überwiegend deutschen Hörer als Unterstützer für die Internetalternative eingetreten, weil sie nicht auf Weltmusik und bunte Veranstaltungstipps verzichten wollen.


Wie bei jeder Veranstaltung rund um Migration wurde über Begrifflichkeiten diskutiert. Der aus Kamerun stammende Wiener Simon Inou spricht lieber von einem "Migrationsvordergrund", denn: "bei Leuten wie mir sieht man das". Dass auch politisch angesagte Worte wie "Migrant", "Menschen mit Zuwanderungsgeschichte", "Biodeutsche" oder "Deutschtürke" nicht makellos sind, darüber waren sich auf der Veranstaltung alle einig. Nach besseren Begrifflichkeiten darf weiter gesucht werden.

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Quelle: Heinrich Böll Stiftung







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