Datum: 29.07.09 21:25
Kategorie: Medien-Print

Von: Kurier/Elias Natmessnig

Kurier: Wenn alte Worte neues Leid bringen

Eine Eispackung als Aufreger: Nach einer verunglückten Werbung ist die Suche nach Rassismen in der Sprache wieder aktuell geworden.

Wie man mit Omas Lieblingsnachspeise eine Diskussion auslösen kann, zeigte in den vergangenen Tagen der Lebensmittelkonzern Unilever. Dessen Tochterfirma Eskimo bewarb ein neues Produkt namens "Mohr im Hemd" in einer Plakatserie mit dem Slogan "I will mohr", daraufhin entbrannte eine Debatte darüber, was man heutzutage sagen darf und was nicht.

"Das Wort Mohr ist eine Fremddefinition von Europäern für Afrikaner, das stark mit der europäisch-afrikanischen Geschichte konnotiert ist, von Ausbeutung bis hin zur Sklaverei. Es ist daher abzulehnen", sagt Simon Inou, Sprecher der Organisation M Media, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Bild von Migranten in heimischen Medien mitzugestalten. Bei Eskimo ist man um Schadensbegrenzung bemüht: "Rückblickend gesehen, würden wir die Kampagne nicht mehr starten, da wir niemanden verletzen wollen", sagt Sprecherin Karin Höfferer. Den Ursprung des Wortes "Mohr" musste sie aber erst recherchieren, gibt sie dem KURIER gegenüber zu.

"Es gibt viele historische Termini, die oft völlig unbedacht verwendet werden", sagt Rudolf De Cillia, Professor am Institut für Sprachwissenschaft an der Uni Wien. Meist würde das antisemitische Redewendungen wie etwa "durch den Rost fallen" betreffen, aber auch die nationalsozialistische Bezeichnung "Tschechei" für die Tschechische Republik oder das "Zigeunerschnitzel" seien problematisch.

Nicht selten werden diese Begriffe verharmlost, selbst Betroffene sehen diese Wörter nicht schlimm, sondern übernehmen sie oder verwenden sie ironisch. So spielt die Musikgruppe "Tschuschenkapelle" mit diesen Begriffen, im zehnten Bezirk lädt ein türkischer Gastwirt zum "Kümmeltürk". Als Außenstehender einen Rom oder Sinto als "Zigeuner" zu bezeichnen ist trotzdem rassistisch, auch wenn diese Begriffe von den betroffenen Volksgruppen selbst verwendet werden.

Verpflichtung

"Viele Menschen trauen sich allerdings oft nicht, gegen Rassismus aufzutreten", sagt De Cillia. Dazu kommt, dass Menschen schwarzer Hautfarbe mehr von Problemen mit Rassismus in der U-Bahn oder bei der Jobsuche berichten und sich daher weniger Gedanken über die Sprache machen können.

"Eine aufgeklärte Gesellschaft hat daher die Verpflichtung, sich dafür einzusetzen, dass negative Vorurteile nicht weitertransportiert werden", sagt De Cillia, "wenn eine Bezeichnung einen Menschen verletzt, dann würde ich dieses Wort nicht verwenden. Viele Juden haben sich nicht als Juden gefühlt, bevor sie von den Nazis zu solchen gemacht wurden." Die Plakatserie wurde mittlerweile von Unilever gestoppt. Das Produkt umbenennen will man aber nicht.

 

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Quelle: TAGESZEITUNG KURIER, 30.7.2009

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