Datum: 18.08.09 17:23
Kategorie: Medien-TV

Von: Süddeutsche Zeitung/Jonathan Fischer

Deutschland: Schwarze Filmschaffende und die Vorurteile

Logo v. Schwarze Filmschaffende in Deutschland

Nur gebrochenes Deutsch

Schwarze Filmschaffende müssen in Deutschland immer noch Vorurteile bedienen, die Hollywood überwunden hat

"Ich wollte schon immer Filmemacher werden", sagt Otu Tetteh. "Aber ich hatte eigentlich nie daran gedacht, schwarzer Filmemacher zu werden." Der sarkastische Unterton ist nicht zu überhören und doch ist der in Berlin lebende Autodidakt bisher ausschließlich durch Themen mit afrodeutschem Bezug bekannt geworden. 2007 lief sein Kurzfilm "You Are Welcome" auf der Berlinale. Da fragt er, warum so viele Afrikaner in Deutschland das Paradies suchen und interviewt dazu Deutsche in Ghana und Ghanaer in Deutschland. Ein Jahr später drehte Tetteh die Dokumentation "Lebe Deinen Albtraum" über die Geschichte des schwarzen Deutschen Tibor Sturm, der sich 2005 gegen Nazis zur Wehr setzte, einen der Angreifer verletzte, und deswegen zu sieben Monate Gefängnis verurteilt wurde. Und auch sein für 2010 angekündigtes Spielfilm-Debut im Kinoformat fokussiert ein schwarzes deutsches Thema: "No-Go", sagt der 36-jährige Filmemacher, "handelt von den Mauern in unseren Köpfen." Der jugendliche schwarze Hauptdarsteller hat Angst vor dem Osten Deutschlands und den sogenannten No-Go-Areas dort, die von Neonazis beherrscht werden.

Tetteh kann mit der Reaktion auf seine Filme bei den Festivals durchaus zufrieden sein. Doch diese Festlegung, sagt der Sohn eines Liberianers und einer Deutschen, sei nicht nur selbst gewählt: "Ich würde gerne einen Science-Fiction-Film drehen. Aber wenn ich mit solchen Drehbüchern komme, werden die gar nicht erst angeschaut." Man akzeptiere von einem schwarzen Filmemacher in Deutschland eben nur afrikanische oder ethnisch selbstreferentielle Themen. Nach dem Motto: Schwarze Haut, schwarze Inhalte.

"Ich habe eine deutsche Mutter, bin in Deutschland sozialisiert, fühle mich als Berliner. Aber erst wenn ich etabliert bin, bekomme ich möglicherweise die Chance andere Facetten meines Lebens in meinen Filmen zu behandeln." Seit seinem achten Lebensjahr ist Tetteh Schauspieler. Seine erste Rolle hatte er in dem Kinderfilm "Konrad aus der Konservendose". "Später wurde ich meist entweder als Musiker oder als ausländischer Drogenhändler besetzt. So sieht man schwarze Männer in Deutschland."

Araba Walton kennt solche Klischees nur allzu gut. Die aus München stammende Schauspielerin hat zuletzt im Kinofilm "Berlin Calling" über die Technoszene in der deutschen Hauptstadt eine Türsteherin gespielt. Keine fiese Domina-Type, sondern eher eine Art "Mutterfigur für die Nachtmenschen", wie sie es ausdrückt. Das könnte man für nebensächlich halten, wenn Walton keine Afrodeutsche wäre und die Rollen für entsprechende Schauspieler im deutschen Film nicht immer noch an ethnischen Stereotypen hingen. "Jede zweite Rolle für eine schwarze Darstellerin, ist die einer Prostituierten", sagt sie. Dazu komme noch eine andere Art der Diskriminierung: So habe sie wiederholt abgelehnt, in ihren Rollen nur gebrochenes Deutsch zu reden. "Ich bin hier geboren, warum sollte ich keine perfekten Sprachkenntnis besitzen?"

Die Gesellschaft ist weiter

Die Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen sagt das ohne jeden Zorn. Nein, Zorn helfe nicht. Sie wolle sich nicht in die Opferrolle drängen lassen. Vielmehr müsse man mit den Verantwortlichen in Dialog treten. "Ich habe immer versucht, mit den Filmemachern zu reden, das Skript zu ändern." Um ihrer Stimme mehr Gewicht zu verleihen, engagiert sie sich mit Otu Tetteh und anderen Kollegen seit über zwei Jahren in einer Lobby. Sie heißt "Schwarze Filmschaffende in Deutschland", kurz SFD. Schauspieler, Drehbuchautoren, Filmemacher und Regisseure gehören ihr an, die die multiethnische Realität, so wie sie in Deutschland tagtäglich gelebt wird, in der Medienlandschaft wiedergespiegelt sehen wollen.

Der SFD hat sich zum ersten mal auf der Berlinale 2007 präsentiert. Damals wurde auf diesem wichtigsten Filmfestival Deutschlands eine erste schwarze Filmreihe gezeigt. Mit sechs Kurzfilmen, die die ganze Bandbreite vom Spielfilm über die Dokumentation bis zum Cartoon abdeckten. Ziel war nicht, sich vom Mainstream abzusondern, sondern dessen Bild zu ergänzen, und das Leben schwarzer Deutscher sichtbar zu machen. "Deutschland hat in dieser Hinsicht im Vergleich zu Amerika enormen Aufholbedarf", erklärt Walton, die sich den Vorsitz mit der Schauspielerin Carol Campbell teilt. "In einen Will-Smith-Film gehen alle gerne. Aber schwarze deutsche Schauspieler scheitern oft daran, dass die Entscheidungsträger nicht glauben, dass sich das deutsche Publikum dafür begeistern könne'. Der SFD habe sich inzwischen auch zu einer Beratungsinstanz entwickelt, etwa für Produktions- und Castingfirmen, die nach schwarzen Schauspielern suchen. Oder für Werbeagenturen, die feststellen wollen, ob ihre Kampagne als politisch korrekt gelten kann.

Ein paar Fortschritte gibt es. So spielt der schwarze Deutsche Tyron Ricketts in der Krimiserie "Soko Leipzig" einen verdeckt ermittelnden Polizei-Kommissar. Charles M. Huber war lange Jahre der Inspektor in "Der Alte". Walton wünscht sich als Schauspielerin allerdings noch mehr persönliche Auseinandersetzung mit den Autoren, damit das Leben schwarzer Menschen in Deutschland realistischer wiedergegeben werden kann. Otu Tetteh kann hier als Filmemacher auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Seinen Spielfilm "No Go", den er gerade vorbereitet, unterfüttere er mit einer sehr autobiographischen Emotionalität. Gerade das garantiere seine Authentizität.. Tetteh ist auch deshalb zuversichtlich, Filmförderung für sein Projekt zu erhalten.

Allerdings fehle für schwarze Themen ein direkter Ansprechpartner in der Industrie, eine Lobby, wie sie sich etwa die Deutsch-Türken schon geschaffen hätten. Das liege auch daran, dass die schwarze Community in Deutschland zwischen dem afrikanischen, afroamerikanischen oder auch seit Generationen schon deutschen Hintergrund viel weniger homogen sei als etwa die türkische Szene. Tetteh hält eine Organisation wie die SFD deshalb für überfällig. "Ich hoffe, dass wir uns mit ihrer Hilfe in Zukunft besser vernetzen können."

Jede Menge Grau

Quantität, sagt SFD-Mitglied und Entwicklungschefin einer Film- und Fernsehproduktion Nataly Kudiabor, sei dabei nicht das Hauptziel . "Natürlich sieht man bereits einige schwarze Darsteller auf der Leinwand oder im Fernsehen. Aber es geht darum, diese in vielfältigeren Rollen zu zeigen." Die Präsenz von Schwarzen sollte sich nicht auf DJs, Moderatoren oder Models beschränken. In dieser Hinsicht bildeten deutsche Fernsehserien nicht die Wirklichkeit des deutschen Alltags ab. Die Gesellschaft ist da schon viel weiter als ihr vermeintlicher Spiegel, die Medien und der Film.

Kudiabor entwickelt gerade einen Film über eine schwarze deutsche Dynastie: Er verfolgt über drei Generationen die Geschichte der in Berlin lebenden Nachfahren eines nubischen Jungen, der Mitte des 19.Jahrhunderts als "Geschenk" an den Prinz-Albrecht-Palais in Berlin kam und dort als Kammerdiener arbeitete. Araba Walton hofft, bald auch die eigene Wirklichkeit auf dem Bildschirm wiederzufinden. Bisher hielten Regisseure gegen das Klischee gebürstete schwarze Rollen nur mit einer gesonderten Erklärung im Skript für glaubwürdig. "In meiner Familie sind alle Berufssparten vom Arzt über die Anwältin bis zum Offizier vertreten" sagt Otu Tetteh. "Wann wird es selbstverständlich, diese alltägliche Vielfalt auch im deutschen Film und Fernsehen zu sehen?" Erklingt trotzdem optimistisch. Sein Film "No Go" werde neben der Angst der Hauptfigur auch eine Erkenntnis transportieren: Dass die Mauer in den Köpfen nichts mit der Hautfarbe zu tun habe. "Mein schwarzer Hauptdarsteller muss im Osten erleben, dass er selber voller Vorurteile steckt, dass es nicht nur schwarz oder weiß gibt, sondern dazwischen jede Menge Grau."

JONATHAN FISCHER

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Quelle: Süddeutsche Zeitung 

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