Datum: 23.05.10 07:35
Kategorie: Sport, Medien-Internet, Medien-Print, Medien-Radio, Medien-TV

Von: Wieland Schneider (Die Presse)

Die Presse: Afrika zwischen Kitsch und Krieg - Ein Interview

Wie sieht das Bild Afrikas in Österreich aus? Eine Diskussion mit den Initiatoren von „Ke Nako Afrika - Afrika jetzt!".

Eine Diskussion mit den Initiatoren von „Ke Nako Afrika - Afrika jetzt!": Alexis Nshimyimana Neuberg, Afrika Vernetzungsplattform, Franz Schmidjell, VIDC, und Heidi Liedler-Frank, Austrian Development Agency.

Die Presse: Wie sieht das Bild Afrikas in Österreich aus?

Alexis Nshimyimana Neuberg: Afrika ist in fast allen Medien präsent, aber meist nur mit Kriegen und Katastrophen. Das ist allerdings nur ein sehr geringer Teil des Lebens in Afrika. Dazu kommt die alltägliche kulturelle Übermittlung, auch in der Schule, mit Liedern wie „Zehn kleine Negerlein". Es entstehen Bilder: der Afrikaner, der Arme, der Schmarotzer.

Ist das Problem der Berichterstattung eines, das spezifisch Afrika betrifft? Internationale Berichterstattung dreht sich vor allem um Katastrophen und Konflikte.

Neuberg: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, das ist normal für Medien. Aber bei anderen Kontinenten wird auch über positive Dinge berichtet.

Heidi Liedler-Frank:. Die Darstellung von Afrika ist eine Darstellung der Extreme. Einerseits zeichnet man ein romantisch-kitschiges Bild: Natur, Löwen im Sonnenuntergang. Andererseits zeigt man extrem negative Dinge wie Krieg. Was mir fehlt, ist „Afrika normal"; der normale Alltag von Menschen in einem städtischen Umfeld mit guter Ausbildung und einem guten Job.

Franz Schmidjell: Man neigt zur Homogenisierung Afrikas. Im Norden Angolas wurde Togos Fußballmannschaft überfallen, die zum African Cup of Nations angereist war. Und sofort wurde in Europa die WM infrage gestellt, obwohl diese 3.000 Kilometer vom Überfall entfernt in Südafrika stattfindet. Wenn es im Kosovo ein Problem gibt, würde deshalb nie eine Olympiade in London infrage gestellt werden.

Wie kann man über Afrika berichten, um dem Kontinent gerecht zu werden? Geht es um die richtige Mischung? Wir haben etwa in der „Presse am Sonntag" genauso Reportagen über den Krieg im Kongo gebracht wie über das friedliche Alltagsleben einer Familie in Côte d'Ivoire.

Neuberg: Natürlich muss man auch die schlechten Nachrichten bringen. Wenn man dabei die Hintergründe beleuchtet, wird oft klar, dass wir Afrikaner bei vielen Konflikten nicht die einzigen Akteure sind, sondern auch westliche Länder involviert sind. Aber man muss auch über das andere berichten: etwa dass Afrikas Wirtschaft vier Prozent Wachstum hat.

Inwieweit verfestigten die Hilfe durch Nichtregierungsorganisationen (NRO) und die Entwicklungszusammenarbeit das Bild von Afrika als hilfsbedürftigem Kontinent?

Liedler-Frank: Man verwechselt oft Entwicklungszusammenarbeit mit humanitärer Hilfe. Humanitäre Hilfe bedeutet: Leute müssen nach einer Katastrophe rasch versorgt werden. In Österreich sehen die Menschen Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit noch immer als karitativen Ansatz. Nach dem Motto: Wir sind die Guten, wir spenden. Den NRO ist bewusst, dass sie mit einer Doppelstrategie fahren: Auf der einen Seite machen sie Werbekampagnen eher mit Mitleidsfotos, auf der anderen Entwicklungsprojekte, bei denen es um längerfristige Prozesse geht.

Auch die staatliche Entwicklungszusammenarbeit muss ihre Projekte verkaufen. Läuft man da nicht Gefahr, in dieselbe Falle zu gehen?

Liedler-Frank: Entwicklungszusammenarbeit hat das Pech, von den Bildern her „langweilig" zu sein. Denn es geht nicht um das Abladen von Hilfsgütern, sondern etwa um den Aufbau von Strukturen. Wir bemühen uns, keine Fotos armer Menschen zu zeigen, und versuchen, in der Kommunikation auf das Partnerschaftliche zu setzen.

Neuberg: Organisationen setzen auf Emotion, um Spenden zu sammeln. Das ist manchmal nötig. Wenn ich eine Firma in Afrika aufzubauen versuche, bringe ich kein Foto hungriger Menschen. Denn dann würde jeder sagen: Dort kann ich keine Geschäfte machen. Und die Hilfsstrategie sollte doch sein, Menschen zu ermächtigen, nicht mehr auf Hilfe angewiesen zu sein.

Schmidjell: Die NRO zeigen mittlerweile erhöhte Sensibilität. Es gibt positive Beispiele wie etwa das CARE-Plakat mit der Botschaft: Sie ist eine starke Frau, und für ihre Arbeit braucht sie unsere Unterstützung. Sie ist nicht mehr Opfer, sondern handelnde Person.

Was bedeutet das Afrika-Bild für AfrikanerInnen in Österreich?

Neuberg: Meine Tochter hat einmal geweint, als wir im Fernsehen einen Film über Afrika gesehen haben. Sie hat gesagt: „Was? So wurdest du geboren? Dort, wo die Menschen keine Schuhe haben?" Dann musste ich vieles erklären, ihr ein Video von den Großeltern zeigen, damit sie sieht, wie unsere Familie wirklich lebt. Dann gehst du auf die Straße, und obwohl du Akademiker und österreichischer Staatsbürger bist, bist du als Schwarzer immer Ausländer. Ich war einmal bei einem Vorstellungsgespräch. Die Leute dort waren schockiert darüber, dass ich Herr Neuberg bin und sie einen Schwarzen eingeladen hatten. Warum sieht man in Österreich keine Afrikaner an Bankschaltern? Es fehlt hier einfach noch der Mut.

Beginnt sich etwas am Bild Afrikas und der AfrikanerInnen zu verändern?

Schmidjell: Bei jungen, bildungsnahen Gruppen beginnt sich etwas zu ändern. Da gibt es Role-Models im Bereich des Sports. Schwarze Fußballer sind Identifikationspersonen. Und das wird nicht auf einer moralischen Ebene gespielt. Es ist einfach Normalität.

Neuberg: Es gibt schüchterne Schritte, die zu begrüßen sind. Wir haben afrikanische Straßenbahn- und Busfahrer, zwei schwarze Polizisten. Wir wollen in diesem Jahr - rund um Ke Nako Afrika - diese Bewegung beschleunigen, indem wir einig agieren. Wenn wir mit Politikern diskutierten, wurden wir immer gefragt: Wie viel Afrikaner leben in Österreich, wie viele davon sind wahlberechtigt. Wenn du nicht in der Lage bist zu sagen, so viele Stimmen habe ich hinter mir, wird es schwierig. Deshalb bündeln wir Afrikaner jetzt unsere Kräfte auf Bundesebene - in einer Vernetzungsplattform.

 

 

 







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