Datum: 05.12.08 09:32
Kategorie: Kommentare

Von: Mag. Patricia Birungi*

Wie entsteht restriktive Ausländerpolitik?

Patricia Birungi


"Ein wirklich 'cooler' Richtungswechsel wäre es, einen Diskurs über 'Rasse‘ in Gang zu setzen, der das Weißsein unter die Lupe nimmt. Das müsste doch interessant sein für all die Weißen, die den Schwarzen immer was über das Schwarzsein vorerzählen, damit sie wissen, was es mit dem Weißsein auf sich hat. In einem viel zu großen Teil der heutigen Literatur ist 'Rasse‘ immer eine Angelegenheit von Nicht-weißem Anderssein, Schwarzem, braunem, gelben, rotem oder gar lila Anderssein."

Was hat es damit auf sich, den Anderen von sich zu differenzieren, eine Trennung künstlich herzustellen, eine Kategorisierung, ein Abgrenzen? Muss Mensch wirklich in Ethnien, Kategorien, Kasten oder sogar Rassen eingeteilt werden? Natürlich kann man sagen, dass man sich schlicht leichter tut, wenn man vom Anderen die Eckdaten weiß. Männlich, weiß, ledig – jedoch ist dem wirklich so, dass man nun leichter Aussagen über diese Person treffen kann? Oder lassen wir uns dann doch nur von den Vorurteilen leiten, die solchen Fremdbildern anhaften?

Rassismus wird in der Literatur als negative Zuschreibung von Merkmalen, Eigenschaften und Fähigkeiten an eine scheinbar homogene Rasse verstanden. Dies äußert sich in abwertenden Fremdbildern und selbsternannten positiven Selbstbildern. Gerade die Fremdbilder aber gilt es zu hinterfragen. Wie kommen sie zustande?

Zum einen, sicherlich durch jene Mitmenschen, die man bereits kennt. Zum großen Teil aber auch über die Imagination, jene Menschen, die noch nicht in unserer Gemeinschaft sind, jedoch trotzdem bereits für Spekulationen sorgen. Diese Spekulationen werden von vieler Seite her gespeist – überlieferte Erzählungen, Medien, Politik etc. Weiter genährt werden solche Spekulationen aber auch, wenn tatsächlich einer jener Fälle sich bewahrheitet, mit dem bereits im Vorfeld spekuliert wurde. Wenn also tatsächlich ein dunkelhäutiger Mensch Drogen verkauft, so sehen sich die Anderen in ihren Spekulationen und (Vor-)Urteilen bestätigt. Der Weg zum Rassismus ist sodann geebnet, wenn vom Einzelfall auf die Allgemeinheit geschlossen wird. Nicht eine bestimmte Anzahl dunkelhäutiger Menschen dealt mit Drogen in Österreich – alle dunkelhäutigen Menschen tun dies. Die Konsequenzen solch unüberprüften Schlüsseziehens werden oft nicht bedacht.

Die Konsequenzen sind nämlich für die Kollektive (also die zusammengefassten Gruppen von Weißen, Gelben, Schwarzen etc.) jene, dass eine Hackordnung entsteht. Ein Ausüben von Macht, jeweils nur in eine Richtung erlaubt.

Von daher funktioniert nämlich das oftmals angebrachte Argument nicht, dass – Rassismus auch gegen Weiße stattfinden kann. Können schon, jedoch fällt ein rassistisch motiviertes Wort gegenüber einer weißen Person eher in den Bereich rassistisches Handeln – zum Rassismus würde es jedoch nur dann werden, wenn ein andauerndes Machtverhältnis von Schwarz gegen Weiß ausgeübt werden würde. Betrachtet man sich jedoch die Geschichte – dies egal wo und wann – so fällt eines auf: Rassistisch motivierte Machtverhältnisse mit existenzgefährdenden Konsequenzen gab es immer nur von Weiß auf Schwarz.

Geht man dem Aspekt der Fremdbilder weiter nach, so ist auch erklärbar, warum die Literatur den Begriff Rasse nach wie vor als gesellschaftliche Fiktion ansieht. Man leugnet dabei nicht die somatischen und genetischen Unterschiede, jedoch wird verdeutlicht, dass der Interessensschwerpunkt in Bezug auf Rassen darin liegt, dass es sich um gesellschaftliche, selektive Zuschreibungen und Bedeutungen handelt. Dies ist der Grund, warum führende Autoren auf dem Sektor Anti-Rassismus-Forschung vom Begriff Rassenkonstrukt sprechen, da sie darunter den Prozess verstehen, bestimmten sozialen Gruppen Bedeutungen zuzuschreiben. Die Weiterentwicklung zum Rassismus findet statt, wenn negativ gewertete Merkmale zugeschrieben werden, verallgemeinert, mit Machtanspruch.

Legitimationsgründe für das Beibehalten von strukturellen Abgrenzungen zum Anderen, sind vielfältiger Natur. Würde man aber dieses Bestreben der Legitimation überwinden und somit Vorurteile abbauen, käme es gleichzeitig zu einer Verminderung der Bildung von Stereotype und umgekehrt.

Konkret bedeutet dies, dass das Fremde nur dann zur Bedrohung wird, wenn man sich selbst in seiner Existenz gefährdet sieht. Dadurch wird es auch erklärbar, warum immer dann speziell gegen das Andere gehetzt wird, wenn man die Befürchtung hegt, dass einem dieses Andere etwas wegnehmen möchte. So wird restriktive Ausländerpolitik gerne damit begründet, dass es den Eigenen im Land nicht gut geht, dass das Boot voll ist oder dass einem Ausländer die Arbeit wegnehmen. Zu einer konkreten Auseinandersetzung mit dem Fremden oder Anderen kommt es jedoch nicht. Somit können diese Vorurteile jedoch nicht überprüft werden.

Viele Theoretiker sehen Rassismus als einen Ausdruck des Wunsches, zu wissen wo man steht, welchen Platz man einnimmt, man sucht seine eigene Identität und stößt auf fremde Identitäten. Aber nicht die individuelle Differenz, sondern die kollektive, aus Analogien und Ähnlichkeiten bestehende Differenz lässt Rassismus aufkommen.

Hier schließt sich der Kreis wieder. Geht man davon aus, dass sich Vorurteile und in der Folge rassistische Einstellungen durch Verallgemeinerung von äußerlichen Merkmalen konstruieren, so lässt sich dies leicht mit dem oben Gesagten vergleichen. Menschen mit fremdenfeindlichen, xenophoben oder rassistischen Einstellungen stoßen sich nicht an dem einzelnen Schwarzen auf der Straße, sondern daran, wofür er ihrer Meinung nach steht. Für das verallgemeinerte Klischee in ihren Köpfen.

Der Schwarze in der Straßenbahn wird somit nicht als Individuum gesehen, sondern als verallgemeinertes Vorurteil und Fremdbild.  

Anders zu sein, ist immer abhängig vom Blickwinkel. Würde man sich daher dahingehend hineinversetzen, dass jeder von uns zum einen oder anderen Zeitpunkt anders ist, könnten man sich vorstellen, wie es ist, als anders gesehen zu werden. In einer nicht-Schwarzen-dominierten Welt ist hierbei wohl leider immer noch Schwarzsein = Anderssein mit all seinen negativen Konsequenzen. Würde man dieser Denkweise jedoch entgegenwirken und erkennen, dass die Fremdbilder nicht stimmen (müssen), wäre das Andere plötzlich nicht mehr so furchteinflößend und man würde erkennen, dass das Andere nicht soweit weg vom Selbst ist, sondern oftmals eher verbindend als trennend.

Wie bell hooks richtig sagt – wäre hier wohl ein Richtungswechsel notwendig, einer der erkennen lässt, dass Anderssein wirklich nur vom Blickwinkel abhängt und wir somit immer irgendwo für irgendjemand anders sein werden.


*Kommunikationswissenschaftlerin in Wien







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