Datum: 23.03.09 19:23
Kategorie: Kommentare

Von: Thomas Usleber

Ist Fremdenfeindlichkeit in Deutschland kein Thema?

Thomas Usleber (c)

Rassismus ist kein Thema

Forschungsergebnisse haben jüngst belegt, dass die meisten Menschen nur glauben, sie würden reagieren, wenn sie Zeuge einer rassistischen Handlung werden („Frankfurter Rundschau“ vom 23.01.2009). In mehreren Tests hat sich herausgestellt, dass weiße Versuchsteilnehmer zwar auf direkte Fragen angeben, keinen Rassismus zu dulden, aber schweigen, wenn ein Schwarzer vor ihren Augen beleidigt wird. Und nicht nur das: 63 Prozent wählten dann auch noch in einem Folgetest den vermeintlichen Rassisten zu ihrem Partner. 

Dabei ist gerade eine Reaktion von Weißen Menschen so wichtig. Denn wenn sich der Migrant oder Schwarze Deutsche beschwert, so sind immer wieder zwei Reaktionen an der Tagesordnung:

-       Der Akteur sieht sich selbst gar nicht als fremdenfeindlich oder gar rassistisch und ist empört über die Äußerung.

-       Dem Akteur ist keine fremdenfeindliche oder gar rassistische Handlung oder Äußerung aufgefallen und ist verwundert über die Äußerung.

In beiden Fällen wird im Nu der Sachverhalt umgedreht: der Beleidigte oder Diskriminierte wird zum Schuldigen. Meist wird ihm Überempfindlichkeit oder eine falsche Einschätzung der Situation unterstellt.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Elizabeth Dunn, eine der Autorinnen der o.g. Studie: „Häufig wird eine rassistische Beleidigung dann zu einem harmlosen Kommentar oder einem Witz umgedeutet“. 

In über 40 Jahren ist mir persönlich noch kein Mensch begegnet, der eine Diskriminierung oder eine rassistische Äußerung eingestanden hätte. Warum eigentlich nicht? Sogar Kapitaldelikte werden mitunter zugegeben.

Es mag natürlich daran liegen, dass es Diskriminierungen in Deutschland gar nicht gibt. Schließlich war Deutschland ja auch das letzte Land der EU, das die Richtlinien zur Antidiskriminierung umsetzte – und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kommt ja mit gerade mal 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Außerdem wird das Thema kaum von den Medien beachtet.

Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass Fremdenfeindlichkeit in Deutschland buchstäblich „kein Thema“ ist. Und in gewisser Weise stimmt dieser Satz sogar: die fast 14.000 rechtsextremen Straftaten des Jahres 2008 fanden kaum irgendwo Erwähnung. Sie führten ja auch nur zu 27 Haftbefehlen. Und wenn wir die 1.295 verletzten Menschen außer Acht lassen, kann man das Ganze ja anscheinend zu den Akten legen. (Die Zahlen sind übrigens vorläufig und liegen unter den endgültigen. Es gibt sie monatlich neu im Internet, Deutscher Bundestag: monatliche schriftliche Anfragen über rechtsextreme und fremdenfeindliche Straftaten). 

Ganz anders als oben geschildert wäre die Situation jedoch, wenn sich gar nicht der Diskriminierte oder Beleidigte wehrte, sondern eine unbeteiligte Dritte oder ein unbeteiligter Dritter. Schweigen wird vom Akteur oft als Zustimmung empfunden, aber gegen eine Äußerung einer Person, welche gar nicht betroffen ist, kann weitaus schwerer eine fadenscheinige Argumentation gefunden werden.

Wenn also das nächste Mal ein dunkelhäutiger Mensch im „Witz“ mit einer inzwischen allgemein als rassistisch anerkannten Bezeichnung für Schokoküsse verglichen wird oder Besucher nicht mit einem Schwarzen in den Fahrstuhl steigen wollen, dann wäre es an der Zeit, den Mund aufzumachen. 

In einer aktuellen Studie hat man wieder einmal festgestellt, dass nahezu jeder dritte Jugendliche (29,7 Prozent) findet, es gebe "zu viele Ausländer in Deutschland". („Frankfurter Rundschau“ vom 18.03.2009). Die Auswertung ergab: 40,4 Prozent der Jugendlichen sind ausländerfeindlich, 14,4 Prozent - also jeder siebte - sogar "in hohem Maße".

Das aber allein sind nur die erschütternden Fakten, wichtiger ist, was die Frankfurter Rundschau weiter schreibt:

"’Rechtsextreme Einstellungen entstehen in der Familie’, … Abhilfe brächten daher weniger ‚Umerziehungsprogramme für Jugendliche’ als eine breite Auseinandersetzung in der Gesellschaft“.

Und im Kommentar von Volker Schmidt heißt es:

„Umso wichtiger ist es, dass an den Schulen und in den Vereinen Demokratie gelebt wird, nicht nur nach Lehrplan, sondern im Alltag, in der Praxis.“







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