Datum: 28.07.09 00:11
Kategorie: Kommentare

Von: Afrikanet/Lisa Ndokwu

Der exotische Geschmack der Fremde

… und nicht einem Konsumenten ist der Name negativ aufgefallen. Jeder hat sofort an die klassische österreichische Mehlspeise gedacht. Aus unserer Sicht also ein unbedenklicher Name", schreibt die Eskimo-Pressestelle zur Werbeaktion „i will mohr“(später als M* gekürzt). 

Unbedenklich, wenn man bedenkt, dass in diesem Land schon schlimmeres geschehen ist.

Als Marcus Omofuma vor zehn Jahren in der Obhut von österreichischen Polizisten erstickt ist, kam es nicht einmal ansatzweise zu einer öffentlichen Rassismusdiskussion. 

Der „M*“ ist im österreichischen Alltag nicht nur als Mehlspeise präsent. Immer noch gibt es eine zwar sehr reduzierte Lebensmittelkette, die den „Mohren“ als Werbelogo führt. Die Idee exquisite Lebensmittel aus exotischen Ländern mit dem dazugehörigen Sujet zu verkaufen, funktioniert hervorragend. Suggeriert wird der exotische Geschmack der Fremde. Allerdings soll der oder die Fremde schön dort bleiben, wo er oder sie eben hingehört. Dieser Tenor schwingt hierzulande immer mit.  

Die Welt verändert sich und in Zeiten, wo selbst in kleinformatigen Meinungsmachenden Zeitungen von Globalisierung geschrieben wird, beharren nach Aussagen von Konsumentenbefragungen Herr und Frau Österreicher auf den Namen einer Mehlspeise, der die Gelegenheit bietet, Vorurteile als Nachspeise zu essen. Und weil es den „M* im Hemd“ quasi immer schon gegeben hat, und ein simpler Schokoladeguglhupf mit Schlagobers nicht den Erkennungswert hat, soll das auch so bleiben. 

Der Erkennungswert ist ein Zauberwort aus der Werbung. In jeder Marketingstrategie, die auf sich hält, wird der Erkennungswert berücksichtigt. Die Konsumenten werden so reduziert auf eine dümmliche Masse, die eben nur das kauft, was sie kennt. Der vordergründigen Frage nach dem gegenwärtigen Alltagsrassismus in Österreich folgt die Frage nach der Einschätzung der Intelligenz der österreichischen Bevölkerung. Die Wirtschaftstreibenden bezichtigen die Österreicher und Österreicherinnen offenbar der Dummheit und negieren die andernorts gepriesenen mündigen Konsumenten. 

Die längst fällige Umbenennung des „M* im Hemd“ sowie die damit einhergehenden öffentlichen Diskurse könnten eine Chance sein, die Geisteshaltung der Bevölkerung Österreichs auf das angemessene Niveau einer Nation des 21. Jahrhunderts zu bringen. Was wäre, wenn der für prägnante Beispiele gern herangezogene „kleine Mann“ das N-Wort aus dem Sprachgebrauch verbannt und was wäre, wenn die österreichische Bevölkerung am „M* im Hemd“ nicht so hängt, wie vermutet wird. Es müssten nicht nur einige Politiker Abschied von ihren Witzen nehmen, Hetzkampagnen von selbst ernannten „Erlösern“ würden lächerlich erscheinen. Denn wie der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein gern zitiert wird, schafft Sprache tatsächlich Wirklichkeit.  

Und Sprache verändert sich, wie die vielen aus dem Englischen entlehnten Begriffe beweisen, die ebenfalls ohne große Diskussionen in unseren Wortschatz übernommen worden sind. Mit diesem Umstand spielt selbst die kritisierte Eskimo-Werbung. Einerseits wird ein internationales Flair verkauft, andererseits ein rassistisches Klischee bedient. Befindet sich die Firma Eskimo auf dem Scheideweg zwischen Tradition und Moderne? Diese Situationsbeschreibung wird ansonsten dem Kontinent Afrika gerne zugeschrieben.  

Diese Kampagne bietet viele Ansatzpunkte zu komplexen Reflexionen und zum bewussten Umgang mit Sprache. In einem Land, in dem die Maxime „Nie wieder“ mehr und mehr verblasst, die politische Kultur den Verweigerern von historischen Tatsachen die parlamentarische Tür weit öffnet, besteht nicht viel Hoffnung auf eine große Veränderung, die einstweilen nur vom Wünschen lebt. Eine Mehlspeise hat nicht das Zeug zum Politikum zu werden. In einer Kulturnation gibt es schließlich Wichtigeres zu tun.







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