Datum: 01.04.10 17:51
Kategorie: Kommentare

Von: Thomas Usleber

Vom Umgang mit Diskriminierungen im Alltag

Der Koch bestimmt, ob’s schmeckt 

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Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

In einem Restaurant wird einem Gast ein Mittagsmenü serviert. Dieser findet das Essen außerordentlich schlecht und äußert das auch gegenüber dem Kellner. Daraufhin kommt der Koch herbei und es entsteht ein Dialog:

Koch: Sie empfinden das Essen als schlecht?

Gast: Ja, es schmeckt mir überhaupt nicht.

Koch: Das kann nicht sein. Mein Essen ist hervorragend.

Gast: Das finde ich nicht. Es ist zum Beispiel bei weitem zu salzig...

Koch (unterbricht): Das stimmt nicht. Ich verwende nie viel Salz.

Gast: Die Kartoffeln sind halb roh und das Gemüse wiederum ist verkocht.

Koch: Sie werden wohl zugeben, dass ich mich, was das Kochen betrifft, sehr gut auskenne. Ich bin der Experte. Mit Verlaub: Sie können gar nicht beurteilen, ob eine Speise gut oder schlecht zubereitet ist. Wenn Sie annehmen, dass das Essen schlecht zubereitet sei, dann liegt das lediglich an Ihrem ungeschulten Gaumen. Ich bleibe dabei: Dieses Menü ist hervorragend. 

Wenn Sie den Koch als einen hellhäutigen Deutschen, den Gast als einen Migranten oder schwarzen Deutschen sehen, das Mittagessen als eine Unterhaltung und die unschmackhaften Teile als rassistische und/oder diskriminierende Bemerkungen, dann haben Sie hier eine Alltagssituation in Deutschland vor sich.

Mit einem Unterschied: Es wird selten vorkommen, dass ein Koch sein Essen so kompromisslos verteidigt und keinerlei Verständnis für den Geschmack des Gastes hat. Hingegen ist ein derartiger Umgang mit Diskriminierungen und Rassismus im Alltag nicht nur verbreitet, sondern sogar die Regel. 

Sie werden festgestellt haben, dass der Vergleich an einer entscheidenden Stelle hinkt: Ein ausgebildeter Koch, der ja tatsächlich ein Fachmann auf seinem Gebiet ist, kann nicht mit einem x-beliebigen Menschen in einer Alltagsunterhaltung gleichgesetzt werden.

Aber hinkt dieser Vergleich tatsächlich? Wie verhält sich denn ein Mensch, der gerade einen anderen diskriminiert hat? Entweder er leugnet seine eigenen Worte oder aber (häufiger), dass diese Worte so gemeint waren. Er bleibt derjenige, der entscheidet, ob hier eine Diskriminierung oder Rassismus vorliegt. Und diese Entscheidung fällt – wenn wundert’s? – immer zu seinen Gunsten aus:

- Ich diskriminiere nie jemanden („Ich verwende nie viel Salz!“) 
Hier wird eine Begründung eben durch diese Begründung bewiesen: Ich habe das nicht getan, weil ich so etwas nie tue.

- Sie fühlen sich nur diskriminiert, weil Sie sensibel sind („Es liegt lediglich an Ihrem ungeschulten Gaumen!“)

Der Andere wird verantwortlich gemacht.

- Sie sehen das falsch! Begleitet von einem mitleidigen Kopfschütteln – mitunter auch bloßes Kopfschütteln  („Sie können gar nicht beurteilen, ob eine Speise gut oder schlecht zubereitet ist.“)

Man stellt sich über den anderen. 

Der Diskriminierte kann zwar kontern, aber interessanterweise hat der Andere auch dann immer passende Ausreden parat. Diese muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

1. Rückantwort des Diskriminierten: „Ich habe Erfahrungen mit Diskriminierung. Schließlich erlebe ich so etwas schon seit Jahrzehnten.“

Gegenargument: „Erfahrung ersetzt kein Studium“ 

2. Rückantwort des Diskriminierten: „Ich habe dieses Gebiet studiert und bin ein Fachmann, ich kann Diskriminierungen erkennen.“

Gegenargument: „Ein Studium kann auch nicht alle Alltagssituationen erklären.“ 

3. Rückantwort des Diskriminierten: „Ich habe eine entsprechende Ausbildung/Studium absolviert und verfüge über eigene Erfahrungen.“

Gegenargument: „Deine Herkunft und deine Erfahrungen haben dein Studium und deine Meinung beeinflusst.“ 

Fazit: Migranten oder schwarze Deutsche haben kaum eine Möglichkeit, als Experten zu gelten, also auch kaum eine Chance, dass ihre Standpunkte anerkannt werden.

Anders herum jedoch erklären sich hellhäutige Menschen ohne jegliche Alltagserfahrungen in Bänden wie „Migrationsreport“, „Migrationsbericht“, „Migration und Integration in Deutschland“, „Diskriminierung im Alltag“ und in Hunderten weiterer Studien und Dokumentationen zu Autoritäten. Angezweifelt wird das nie. Beweisen müssen sie ihren Sachverstand genauso wenig.

Und auch die Menschen, denen man im Alltag begegnet, vermeinen, solche Situationen besser beurteilen zu können, besser auf jeden Fall als der, der betroffen, also quasi befangen und voreingenommen ist. Von ihrer eigenen Voreingenommenheit ist nie die Rede. Und entgegenkommend haben sie irgendwann sogar den Begriff „gefühlte Diskriminierung“ geschaffen, um so zumindest so zu tun, als ob sie die subjektive Wahrnehmung des Betroffenen zur Kenntnis nehmen. Soll man ihnen deswegen danken? Wie bei einer „gefühlten Temperatur“ gilt für sie sowieso nur der tatsächliche Messwert und den bestimmen sie.

Sie alle verhalten sich wie der Koch in unserem Anfangsdialog: „Ich bin der Experte.“ 

Seien wir doch mal ehrlich: Sie als Gast beurteilen, ob es Ihnen schmeckt oder nicht. Sie können anerkennen, dass sich der Koch unter Umständen große Mühe gegeben hat, aber Sie werden Ihr eigenes Urteil als das maßgebliche ansehen. 

Genauso liegt die Entscheidung, ob eine Diskriminierung oder ob Rassismus vorliegt, alleine beim Opfer und nicht beim Täter.







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