Datum: 22.05.10 12:15
Kategorie: Kommentare

Von: Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

Weibliche Genital Verstümmelung aus der Perspektive einer Aktivistin

Die Autorin - (c) Privat

Unter der Schirmherrschaft der Bürgermeisterin von Erlangen Frau Dr. Elisabeth Preuss und in Zusammenarbeit mit „FORWARD-Germany“, „Terre des Femmes“, und „Plan International“ finden in der Woche vom 15. Mai bis 21. Mai 2010 Veranstaltungen zu der weiblichen Beschneidung, gemäß des Mottos des Afrikanischen Komitees und der Vereinten Nation „Null Toleranz für die Genitalverstümmelung“ (F.G.M Female Genital Mutilation/Mutilations Génitales Féminines) statt.

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Ich bedanke mich ganz herzlich, dass Sie alle heute so zahlreich  gekommen sind, um über ein Thema zu sprechen, das die Gemüter erhitzt.

In der Tat erweckt die Thematik der Genitalverstümmelung zurZeit große Kontroversen mit negativen und positiven Reaktion. Die Befürworter schwingen das Zepter der Tradition und die Gegner plädieren für eine sofortige Abschaffung und die Verhängung harter Gefängnisstrafen. Sie akzeptieren nicht, dass im Namen der afrikanischen Kultur und Identität Frauen auf dem Altar der Tradition geopfert werden.

Die weibliche Beschneidung ist ein Problem, das uns alle angeht, denn diese Sitte erstreckt sich über die Grenzen Afrikas, Indonesien, Nordirak, Ägypten, Jemen, und zahlreiche weitere Länder hinaus, weil die Emigration starker Minderheiten in den Westen diesen Brauch durch den Prozess der Globalisierung nach Europa verlagert hat. Die betroffenen Mädchen und Frauen verlangen unsere Unterstützung und wir zeigen uns solidarisch.

Der Eingriff, der an Mädchen und Frauen vorgenommen wird, sollte uns allen einen Denkanstoß über die heutige Bedeutung einer Sitte geben. Wie kann ein Brauch, der an Legitimität verloren hat, abgeschafft werden, ohne dass man die Betroffenen für schuldig zu erklären und mit dem Finger auf sie zu zeigen.

Wir wollen über diese Menschenrechtsverletzung aufklären und unsere Präventionsarbeit hierzulande darstellen. Die Wandersausstellung „Nigerianische KünstlerInnen klagen an“die durch „FORWARD-Germany“ nach Deutschland  kam, zeigt  wie  betroffene Mädchen und Frauen den Eingriff und seine Folgen von den MalerInnen wahrgenommen werden. Die erste Vernissage erfolgte am 4.2.2000 im Mannheim. Die KünstlerInnen geben dem Kampf gegen die  Genitalverstümmelung, eine Stimme, die nicht überhört werden darf. Die eindrucksvollen Kunstwerke, Kupferstiche und Skulpturen  sprechen eine deutliche Sprache. 

Obwohl 17 afrikanische Regierungen in Afrika von den 28 RisikoländernGesetze erlassen und diesen Brauch unter Strafe gestellt haben, wird vielerorts daran festgehalten, da der Eingriff von Initiationsriten begleitet wird.

Die weibliche Beschneidung oder Genitalverstümmelung (kurz FGM Female Genital Mutilation bzw. MFG Mutilations Génitales Féminines genannt FGM/MGF) ist eine Menschenrechtsverletzung. Weltweit leben mehr als 120 Millionen Mädchen und Frauen, die genital beschnitten sind.

In Deutschland wurde das Thema der weiblichen Beschneidung um 1995 salonfähig und es wurde mit einer großen Pressekampagne in allen Städten Deutschlands gestartet. Auch wenn die Ziele ehrenhaft waren, der Eindruck von „Voyeurismus“ mit rassistischem Beigeschmack wurde zu sehr betont.

in ganz Europa leben betroffene Frauen wie z.B. in Deutschland, in Österreich, und in der Schweiz. In Deutschland sind es schätzungsweise 20 000 und über 5.000 Mädchen droht dasselbe Schicksal. Ihre Eltern fühlen sich alten Traditionen verpflichtet und glauben, unbeschnittene Töchter entsprächen nicht ihre ursprünglichen moralischen  Vorstellungen. Sie Könnten  daher im Falle einer Rückkehr in die Heimat keinen Ehemann in der eigenen Volksgruppe finden und sich dann nicht integrieren.

Denn sie würden als Außenseiterinnen gelten und mit Verächtung aus der Gemeinschaft bestraft. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Norm deren Missachtung von der eigenen Community nicht geduldet wird.

Deshalb suchen die Eltern nach willfährigen ÄrztInnen in der Diaspora oder  lassen Beschneiderinnen aus den vorwiegend afrikanischen Herkunftsländern einfliegen, um den Eingriff bei den Mädchen vorzunehmen. Selbst in Europa bzw. in Deutschland,  sind die  Mädchen also nicht vor Genitalbeschneidung  sicher Die Gründe, die zur Rechtfertigung dieses genitalen Eingriffes angebracht werden, sind vielfältig.  Sie beruhen zumeist auf ein Zusammenspiel von Mythen und Überlieferungen, der Unkenntnis biologischer und medizinischer Fakten oder einer falschen Interpretation der Religion besonders  des Islams. Aber die weibliche Genitalbeschneidung betrifft Anhänger aller religionen: Musliminnen, Animistinnen, Christinnen, schwarze Jüdinnen etc….               

Wir möchten, dass die betroffenen Schwestern weiter stolz auf ihre Kultur und Sitten sind und ihre Würde behalten. Wir kämpfen nicht gegen die Tradition sondern für das Ende der schändlichen Gewaltakte gegen Frauen und Mädchen und wie Ahmadou Hampaté Bâ, ein gelehrter Weiser aus der Hochburg der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/MGF) Mali sagte:

Man kann die Tradition, mit einem Baum vergleichen, dessen Zweige, die absterben, abgeschnitten werden müssen, um ihn zu erlauben sich ganz zu entfalten.“ (meine Übersetzung .PH.F)

Ich freue mich ganz besonders, dass es uns gelungen ist diese Veranstaltung in Kooperation mit „Terre des Femmes“ und „Plan international“ durchführen zu können.

Es ist auch für mich erfreulich zu sehen - auch wenn dieses Thema keinen Anlass zur Freude gibt, dass Männer und Frauen aus einem ganz anderen Kulturkreis an einem Strang ziehen und sich nicht nur solidarisch zeigen sondern aktiv, respektvoll dagegen handeln wollen, damit wir die Ziele des Afrikanischen Komitees, Stellvertreter für alle Betroffenen erreichen „Null Toleranz auf allen Ebene bis 2015 für die Genitalverstümmelung!“ .

Ich bedanke mich bei allen, die uns tatkräftig unterstützt haben: die Stadt Erlangen vertreten durch die Bürgermeisterin Frau Dr. Elisabeth Preuss, die Petra Kelly Stiftung, die Grüne Liste, die Universität Erlangen-Nürnberg und Herrn Bundestagsabgeordneten Uwe Kekeritz, (Bündnis 90/die Grünen) der extra aus Berlin angereist ist.

Ich lade Sie zu dieser ausdruckstarken Ausstellung ein. Hier stellen afrikanische Künstlerinnen und Künstler bildlich die Schmerzen, welche die Betroffenen bei dem Eingriff erleiden, dar. Jeder soll  diese Bilder aus dem Doppelaspekt  betrachten:  Kunst und Frauen.







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