Datum: 02.07.10 13:11
Kategorie: Kommentare, Welt

 

WM 2010: Kamerun , die kollektive Entmannung

Achille Mbembe

Jede nationale Fußballmannschaft ist das Abbild des Landes, das sie vertritt, die Widerspiegelung seiner Kultur, seiner Organisationsmethoden und seiner Mängel. Was uns betrifft, so ist die Feststellung einfach: so viele Möglichkeiten, aber auch so viele Schlammassel auf dem Hintergrund einer moralischen Kraftlosigkeit und kollektiven Machtlosigkeit. Diese Machtlosigkeit wurde während den zwei Wettkämpfen, die uns Japan (welches wir nie besiegt haben) und Dänemark (welches wir beinahe besiegt hätten) gegenüber stellten, der Welt vor Augen geführt. Einerseits eine riesige potentielle Kraft, bei der man hie und da einige blendende Momente betrachten konnte, die aber schwankt, stottert oder nur auf epileptische Weise zum Ausdruck kommt. Andererseits war da Unordnung, Wirrwarr, Fahrlässigkeit und leere Gesten von denen, die sich am Rande des Ertrinkens befanden, kurz gesagt die Selbstentmannung. Die strukturellen Ursachen dieser kollektiven Selbstentmannung sind allgemein bekannt, angefangen von denen, die aus dem Bereich der Politik und der Wirtschaft hervorkommen.

Vor etwa dreißig Jahren hat sich eine lüsterne Elite an die Spitze des Staates aufgedrängt. Ihre Auseinandersetzung mit der Mehrheit der lokalen Kräfte hat das Land in einer der meist bestechlichen Satrapien auf dem Kontinent umgewandelt. Nachdem es ihr gelungen war, die ganze moralische und ethische Infrastruktur unserer Gesellschaft systematisch zu zerstören, hat sie den Diebstahl, die Verdorbenheit und die Zuwiderhandlung zu neuen Normen und Bräuchen erhoben, die sowohl von der Führung als von ihren Untertanen angenommen worden sind. Infolge dessen kam es zu einer allgemeinen Verpöbelung der Bevölkerung, Reiche und Arme zusammengenommen. Heute hat sich die Verwilderung mit Hilfe der Senilität in Kultur, ins allgemeine Bewusstsein und eine Lebensweise verwandelt. Wir alle wissen das. Und wir alle sind machtlos um es zu beheben. Das Kamerun von 2010 erinnert an Augiasstall - er wartet auf eine radikale Säuberung und einen klaren Bruch ohne Entgegenkommen. Denn so lange dieses Regime der vollen Zügellosigkeit und ständigen Unzucht unser Schicksal prägen wird, wird man von der Zukunft nichts erwarten können.

So lange es zu keinen radikalen politischen Änderungen kommen wird, wird es auch keine Möglichkeit für die Ausstrahlung des kamerunschen Fußballs in die Welt geben. So gesehen ist das südafrikanische Fiasko nicht nur eine „Coach-Angelegenheit“. Sicherlich, dieser arme Le Guen und seine Komplizen – mittelmäßige und schwerfällige Techniker zweiten Ranges – haben nie aufgehört zu tasten, auf Sicht zu segeln und zu improvisieren. Aber wie gewöhnlich waren sie weit davon entfernt, alles zu kontrollieren. Viele Drähte sind ihnen entkommen. ?

Sie hatten eine Mannschaft geerbt deren chaotische Veränderung, wie gewöhnlich, kaum geplant worden war. Sie haben schnell festgestellt, dass die nationale Mannschaft ein von Krokodilen verpesteter Sumpf ist. Nach der Aufheiterung am Anfang haben sie die letzten Monate im Schlamm verbracht. Sie waren bereits vor dem Beginn des Weltspieles im Dreck eingeklemmt. Angeführt durch einen talentierten aber ego-narzisstischen Kapitän, einen stürmischen und wenig diskreten Spross, haben die Spieler ein Spektakel der vollkommenen Machtlosigkeit dargeboten. Seit dreißig Jahren der Verfaulung ausgesetzt sind die Kameruner Meister in der Kunst des Betrugs, der Improvisierung und der Pflichtvergessenheit geworden. Immer noch wollen sie ernten was sie nicht gesät haben.

Statt einer nachhaltigen Arbeit verlangen sie Wunder, und wenn sie es nicht bekommen, dann erfinden sie Sündenböcke. Der moderne Fußball kennt aber weder Wunder noch Zauber. Nur Disziplin, Organisation, Arbeit und Prognosen zählen. Man muss deshalb zum Startpunkt zurückgehen. Zuerst muss man auf eine ausschlaggebende Art die Seite der Generation 1998-2000, die der Nation so viel Freude gebracht hat (Rigobert Song, Geremi Njitap, zu denen man Webo, Idrissou, Souleymanou und andere zufügen soll) schließen. Danach muss man auf entscheidende Weise die Seite der Zukunft öffnen. Paul Le Guen hat dafür einige mehr oder weniger flüchtige Zeilen geschrieben, als er in die Mannschaft auch Jugendliche mit Talent und Ausdauer (Matip Bong, Mandjeck, Assou-Ekotto, Choupo, Bassong, Eyong, Aboubakar und anderen) aufgenommen hat. Mit Nkoulou, Alex Song, Mbia Eto’o gibt es bereits etwas aus dem man eine Mannschaft aufbauen kann, die Erfahrung sammeln und Siege in den bevorstehenden Kämpfen davontragen wird.

Man soll jetzt diesen Sockel stärken und durch Pflege und Aufnahme von Talenten die noch mangeln und auf die Stellen, wo dieser Mangel offensichtlich ist, ausdehnen - Außenverteidiger, die es wissen, die Mehrzahl zu bilden, gute Spieler im Freiwurfraum, neue Angreifer wie Eto’o oder Milla, Tormänner wie Bell oder Nkono, Torschießer wie es Njitap war, einfach kreative Spieler die imstande wären dem Spiel Rhythmus und Kadenz zu verleihen. Die Voraussetzung dafür ist, dass man endlich anfängt, diszipliniert, methodisch und auf lange Sicht zu arbeiten. Die Voraussetzung dafür ist, dass endlich eine in der Zeit gestaffelte nationale Strategie vorhanden ist. Denn um bei der Fußballweltmeisterschaft erfolgreich zu sein, ist es notwendig, sich dafür nicht drei Wochen, sondern mehrere Jahren vorzubereiten.

Aufgrund der Erfahrung man muss, leider, befürchten, dass dies nicht geschehen wird. So werden wir uns 2014 mit denselben Problemen wieder finden – mit einem Spektakel der Machtlosigkeit einer Nation, die mit dem Potenzial gesegnet ist, aber die sich im Netz einer senilen und von Verderbtheit befallenen Satrapie befindet.

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* Kamerunischer Politologe an der südafrikanischen Universität von Wittwatesrand. Übersetzung aus dem Französischen von Vladislav Marjanovic und afrikanet.info 







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