Datum: 01.04.19 12:23
Kategorie: Kommentare

Von: Lisa Ndokwu

Reden über Rassismus

„Kommen Sie! Holen Sie Ihr Kind ab! Es ist unruhig. Es stört den Unterricht.“ Vor fünfundzwanzig Jahren erhielt ich diese Anrufe aus der Schule fast täglich. Mein Kind war das einzige Kind in dieser ersten Klasse Volksschule, das sichtbar fremd war. Und es störte.

Mein Dialog mit den Lehrern und Lehrerinnen dauerte die gesamte Schullaufbahn und war nicht immer von Geduld geprägt. Wenn ich das Wort Rassismus in den Mund nahm, konnte ich sicher sein, dass beinahe alle Lehrpersonen schon auf Safari waren und Afrika in schöner Erinnerung hatten. Eine Pauschalreiseerinnerung wurde mir als Freifahrt in ein antirassistisches Handeln verkauft.

Diskriminierung, institutioneller Rassismus und schlichte Ignoranz waren die Reisebegleiter, die meine Familie im Gepäck hatte, quasi im Schulrucksack mit trug. Das Wissen, dass die Institution Schule immer mächtiger als man selbst ist, hat den Rucksack noch schwerer gemacht. 

Dieses Wochenende habe ich erfahren, dass die Praxis dieses Anrufs, man solle sein „unruhiges“ Kind abholen, noch immer zum Repertoire der staatlichen Bildungsinstitutionen gehört. Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung war eine schwarze Frau so mutig, über ihre Erfahrungen zu berichten. In ihrem Fall wurde ihr Kind kurzerhand von der Schule abgemeldet. Um Missverständnissen vorzubeugen, nicht sie hat ihr Kind aus der Schule genommen. Die Verantwortlichen der Schule haben das Kind abgemeldet. Ihr Argument, dass es sich dabei um einen rassistischen Akt handle und ihr Appell um Unterstützung an die Diskussionsteilnehmer verhallten in Gegenargumenten und abstrakten Zukunftsszenarien. Mit der Hautfarbe habe das nichts zu tun, das komme oft vor, dass Lehrer oder Lehrerinnen Kindern und Eltern das Leben schwer machten. Sie solle mit den anderen Eltern in Dialog treten. Im Übrigen müsse man sich das genauer anschauen. Alles werde sich ändern, wenn mehr Lehrer und Lehrerinnen dieselbe Hautfarbe wie das Kind haben werden.

Dann, in ungefähr dreihundert Jahren, werden die Kindeskinder dieses Kindes, das offensichtlich aufgrund der Hautfarbe diskriminiert wird, unter Umständen Lehrpersonen sein. So lange wird die Frau nicht warten können.

Institutioneller Rassismus ist eine gesellschaftspolitische Realität. Die weiße Mehrheitsgesellschaft weiß nicht, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft sichtbar fremd zu sein. Vielleicht lässt es sich aber auch mit einer Safari erklären. Man ist erstaunt, was man alles sieht. Man hat Angst vor dem Unbekannten. Man weiß nicht, was man tun soll, wenn einem ein Raubtier begegnet. Man weiß nur, dass es mächtiger ist, als man selbst.

Um Missverständnissen vorzubeugen. Ich bin Teil dieser weißen Mehrheitsgesellschaft. Ich glaube nur, zu wissen, wovon meine Kinder sprechen, wenn sie von Rassismus sprechen. Meine Ohnmacht und meine Verzweiflung lassen sich nicht immer gut kanalisieren. Bei der Diskussion habe ich zu schreien begonnen. Die Gespräche mit meinen Kindern machen mir Mut und ich hoffe, das nächste Mal, wenn Rassismus klein geredet wird, finde ich wirksame Worte. 

Reden wir weiter über Macht und über Rassismus. Die menschliche Stimme ist ein mächtiges Instrument.







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