Kategorie: Kolumnen

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Der grobe Menschenverstand und die Denkfaulheit verleiten sehr oft viele Geister dazu, lediglich die seichten Unterschiede der Kulturen und Gesellschaften zu erfassen und hervorzuheben. Erdauert man aber die Quiddität jeder Kultur, wird man feststellen, dass diese größtenteils Merkmale aufweist, die man in anderen Kulturen vorfindet. Die Welt besteht keinesfalls aus undurchlässigen, undurchsichtigen abgeriegelten Räumen. Zudem: Bei näherer Betrachtung und Beobachtung der Lebensweisen der Menschen, die in verschiedenen Kulturkreisen leben, kommt man zur Einsicht in der Anthropologie und in der Ethnologie, dass die Tatsachen und die Realitäten komplexer sind, als mancher es zumeist wahrnimmt.
Es kann vorab angemerkt werden, dass die Hochkultur des alten Griechenland, die als Quelle und Wiege der Kulturen Europas gilt, von der Hochkultur Altägyptens beeinflusst wurde. Die letztere ist die Wiege und die Quelle der Kulturen Afrikas. Daher haben Afrikaner in der Regel die Fähigkeit, sich europäische Kulturen anzueignen; sie finden Elemente ihrer Kulturen in manchen europäischen Kulturen wieder.
Darum ist es nicht erstaunlich zu konstatieren, dass der Ethnologe Leo Frobenius nach Auseinandersetzung mit afrikanischen und europäischen zum Schluss kam, dass die deutsche Kultur vielmehr afrikanischen Kulturen südlich der Sahara ähnelt als der französischen „Zivilisation“ von nebenan.
Leo Frobenius gehört zu den seltenen Afrika-Forschern, die aufgezeigt haben, dass zwei Völker derselben Hautfarbe und desselben Kontinents tiefe kulturelle Unterschiede zueinander bergen und kulturelle Gemeinsamkeiten vielmehr mit anderen Völkern anderer Kontinente und Hautfarben teilen können.
Er stufte dementsprechend und anschließend afrikanische und europäische Kulturen nach ihrer Morphologie ein. Frobenius hatte nämlich herausgearbeitet, dass die französische Lebensweise wie die nordafrikanischen Kulturen hamitisch und die deutsche Kultur wie die schwarzafrikanischen Lebensweisen äthiopisch sei.
In Europa selbst hat es immer eine Debatte über die Unterschiede zwischen deutscher Kultur und französische „Zivilisation“ seit dem Anbruch der Neuzeit gegeben.
Die Forschungsarbeiten Frobenius´ führten zu einer kopernikanischen Wende in den Studien und Betrachtungen zu afrikanischen und anderen Kulturen und Zivilisationen; das Oeuvre Frobenius´, das primär afrikanische Kulturen in seinen Mittelpunkt rückte, hat im Nachhinein weltweite Tragweite erreicht. Dies war eine Errungenschaft des Ansatzes der Kulturmorphologie, deren Bahnbrecher er war.
So unterscheidet Frobenius in Afrika hauptsächlich zwei Typen von Kulturen: Die Hamitik und die Äthiopik. Erstere beruhe auf dem Rationalen, während letztere das Irrationale als Grundlage habe.
Es soll an dieser Stelle klargestellt werden, dass sich das Hauptwort „Äthiopik“ auf „Äthiopier“ bezieht. Es ist gleichwohl von grundlegender Bedeutung zu erläutern, dass „Äthioper“ früher „Schwarze“ bedeutete. Die Griechen nannten alle Schwarzen „Äthiopier“ – Griechisch: Aithiopes, gebrannte Gesichter. Im Altertum gab es für die Griechen zwei Arten von Äthiopiern: Die Westäthiopier mit krausen Haaren (beispielshalber die Dunkelhäutigen Afrikas) und die Ostäthiopier mit glatten Haaren (beispielsweise die Drawidas in Indien).
Der hamitischen Kultur – sie erstrecke sich auf die Teile Afrikas, die von der libyschen und der nubischen Wüste bedeckt werden – gesteht er Tatsachensinn, Realismus und Rationalismus zu. Er erachtet es für recht verzwickt, die Ausdehnung dieser Kultur zu erfassen. Alles Metaphysische sei hierbei schlicht und einfach zurückgewiesen, verfemt und ausgeschlossen. Demnach sei die hamitische Kultur konservativ und verschlossen; sie sträube sich gegen extrinsische Einflüsse und sei der Frömmigkeit wenig zugeneigt: „Die vollkommene Absage an alles Transzendente und die betonte Bejahung alles Körperlichen in der hamitischen Kultur hat naturgemäß eigentliche Pietätlosigkeit und Irreligiosität zur Folge.“ An einer anderen Stelle schreibt er: „Die hamitische Kultur kennt […] Ablehnung des Metaphysischen.“ Er bemerkt noch: „ Eine Kultur, die durchaus auf Ablehnung des Metaphysischen gegründet ist, wird Fremdgut nur dann aufnehmen, wenn es eine ihrem Lebensgefühl adäquate Struktur besitzt.“ Nach dem Dafürhalten Frobenius´ ist die französische Kultur die Exponentin der hamitischen Kultur.
Der äthiopischen Kultur, die sich hauptsächlich und konsequenterweise auf die Gegenden erstreckt, die vor allem von Schwarzen bewohnt werden, jedoch jeder Beschreibung spottet, spricht Frobenius einen Sinn des Realen, Intuition, Neigung zum Metaphysischen, kulturelle Anpassungsfähigkeit, Verständnissinn dem anderen, dem Fremden gegenüber, einen elastischen Charakter zu. Diesbezüglich unterstreicht er: „[…] um so schwieriger aber ist es, dies A und O zu definieren, das eben in etwas Gemütsmäßigem und nicht wie im Hamitischen, in etwas Intellektuellen gipfelt.“ Seines Erachtens -- nach der Ansicht Frobenius´-- sei die deutsche Kultur die Exponentin schlechthin der äthiopischen Kultur in Europa.
Heute sind die Hauptaussagen Frobenius´ in mancher Hinsicht insofern transzendiert worden, als man apollinische sowohl als auch dionysische Momente bzw. Merkmale in jedem Kulturkreis vorfindet und antrifft. Wenn es überhaupt eine bestimmte allgemeine hamitische oder äthiopische Neigung in einer Kultur oder Gesellschaft gibt, dann spricht man von kulturellem Stil.
In Wahrheit jedoch hat jeder Mensch eine hamitische Ebene und eine äthiopische Dimension. Dies bedeutet zudem, dass jede Kultur die beiden Dimensionen in sich birgt. Die Tatsache, dass dies nicht sehr oft erkannt wird, ist darauf zurückzuführen, dass manche Praktiken in manchen Gesellschaften verdrängt oder vertuscht werden, wogegen andere Gesellschaften sie öffentlich aufs Tapet bringen und in manchen Fällen sich sogar öffentlich dazu bekennen.
Es wird zum Beispiel oftmals über Fetischismus, Zauberei und Magie in Betreff afrikanischer und osteuropäischer Gesellschaften und Kulturen debattiert, während Glücksbringer, Okkultismus und Esoterik in Bezug auf westeuropäische Gesellschaften und Kulturen verharmlost werden. Wer sich aber mit der Parapsychologie auseinandersetzt, weiß, dass Esoterik, Zauberei, Magie und Okkultismus dasselbe Fundament teilen und genau auf dasselbe hinauslaufen, insofern als sie seelisch-metaphysische Erlebnisse – und nicht spirituelle Erfahrungen -- sowie den Verkehr mit nicht ganz genau identifizierten kosmischen Kräften und Entitäten fördern.
Die Wahrheit daneben ist, dass die meisten Gesellschaften weltweit hybrid sind; sie verbinden uralte Traditionen und Praktiken mit ultramodernen, universellen und immerwährenden Gedanken. So ist zum Beispiel Ostern ein heidnisches Fest der Germanen, welche den Sieg des Frühlings über den kühlen Winter feierten. Im Laufe der Zeit wurde dieser Feier ein christliches Gewand verpasst, um der Auferstehung Jesu Christi zu gedenken. Die Feier bleibt aber in nuce heidnisch, weil das eigentliche Interesse dabei das Osterei ist – nicht wirklich Jesus-Christ.
Außerdem wissen wir mit dem Philosophen Badiou, dass jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit aufweist. Hierbei ist das individuelle Selbst stets vom nächsten Anderen oder vom anderen Nächsten verschieden bzw. abgrenzbar. Allein diese Erkenntnis sprengt die Schimäre der kulturellen Homogenität aller Individuen eines bestimmten Kulturkreises.
Es ist zusätzlich eine Tatsache, dass jeder Mensch nicht nur eine dionysische, sondern auch eine apollinische Dimension hat. Im Zuge der Globalisierung trifft die Theorie Frobenius´ nicht mehr auf der ganzen Linie, obschon es ungescheit wäre, sie zum alten Eisen zu werfen. Die bedeutende Unzulänglichkeit, die man bei Frobenius jedoch herausstellen kann, ist terminologischer Art: Der Ethnologe und Afrika-Forscher beging einen Fehler durch Verquickung und Verwirrung, zwar im Zusammenhang mit den Begriffen „Äthiopik“ und „Hamitik“. Etymologisch bezieht sich „Hamitik“ auf Ham, den Sohn Noahs, den Vater aller Schwarzen. Diesbezüglich gehören „Äthiopik“ und „Hamitik“ zusammen, da Ham ein Schwarzer und als Vater auch aller Äthiopier – sprich: aller Schwarzen – gilt.
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*Mathias Victorien Ntep – Dissertant an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Freitag, 02-01-09 13:44
I got the message, dear Kwame. Don´t worry
yourself about it, I´ ll be careful with Frobenius. My thanks. Have a great day.
Mathias Victorien Ntep
Frankfurt/Main, Germany
Montag, 29-12-08 10:49
BE CAREFUL WITH FROBENIUS. KWAME



