Datum: 21.11.05 19:56
Kategorie: Schweiz-Gesellschaft

Von: simon INOU

Die Schweiz und die Sklaverei - Intervew von Janick Marina Schaufelbühl

Zwei Bücher sind zum Thema "Schweiz und die Sklaverei" im Abstand von zwei Monaten in der Schweiz erschienen. Zuerst "Schwarze Geschäfte" von Thomas David, Bouda Etemad und Janick Marina Schaufelbuehl im Verlag Limmat. Dieses Buch untersucht zuerst die Beteiligung von schweizer Händlern, Handelshäusern und Finanzkreisen, danach befassen sich die Autoren mit den Beziehungen zwischen der Schweiz und dem System der Sklavenplantagen in Amerika. Zuletzt werden Bewegungen und Vereine, die sich in der Schweiz für das Verbot der Sklaverei eingesetzt haben beleuchtet.

Ein zweites Buch von Hans Fässler "Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei", erschienen im Rotpunktverlag, durchleuchtet detailliert die Rolle von schweizer Familien und Orten in der Zeit der Sklaverei. Laut Heinz Fässler hat die Sklaverei in der Schweiz Adressen und Postleitzahlen. Neunzehn Ortstermine zwischen Boden- und Genfersee werden genauer untersucht und liefern interessante Ergebnisse. Sehr mutig vermeidet er, wenn es um Beteiligungen geht, aus dreierlei Gründen die Teilung in direkte und indirekte Beteiligung. Für ihn waren alle, die etwas zur Sklaverei beigetragen haben beteiligt. Was die Diskussion über Entschädigungen erleichtern kann.

Diese Arbeiten beleuchten dunkle Kapiteln der Schweizer Geschichte. Der Mut der AutorInnen mit allen Risiken zu recherchieren, soll österreichischen ForscherInnen als Beispiel dienen, um den Mythos des "wir-haben-keine-Sklaven-und-keine Kolonien-gehabt" zu dekonstruieren. Es kann nicht sein, dass während des 17., 18., und 19. Jahrhunderts, als alle Europäischen Monarchien in der Sklaverei bis zum Hals verwickelt waren, Österreich nur zusah und nicht involviert war.

Die  beiden in der Schweiz erschienenen Bücher helfen uns, die Rolle von Binnenländern während und in der Zeit der Sklaverei besser zu verstehen. Was sicher ist, ist dass die Zahl der Länder die von der Sklaverei profitiert haben, bis heute untergeschätzt wurde. Früher oder später müssen diese Länder selbst mit ihrer Geschichte fertig werden und die Betroffenen entschädigen. Entwicklungshilfe ist keine Entschädigung wie viele Länder heutzutage argumentieren.

Diese Woche hat Afrikanet.info die Forscherin Janick Marina Schaufelbuehl der Université de Lausanne zu ihrem Buch interviewt. Nächste Woche werden wir den Autor des zweiten Buches, Hans Fässler, interviewen.

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EMAIL INTERVIEW MIT Janick Marina Schaufelbuehl, Institut für Sozial und Wirtschaftsgeschichte, Universität von Lausanne

"Die Schweiz hat an der Sklaverei teilgenommen. Eine historische Aufarbeitung dieser Frage in Österreich wäre sicherlich sehr wünschenswert"


Afrikanet.info: Aus welchen Gründen haben Sie und ihren KollegInnen Forschungen zur Frage der Beteiligung der Schweiz an der Sklaverei eingeleitet?

Da die Schweiz keine Kolonien besaß und auch keine Sklavenhandelsflotte unterhielt, wurde die historische Aufarbeitung der Frage der Beteiligung von Schweizern am Sklavenhandel und Sklaverei lange vernachlässigt. Es fanden sich zwar hier und da Hinweise in einer meist veralteten und schwer zugänglichen Fachliteratur, aber eine umfassende Studie zu diesem Thema fehlte. So konnte der Vertreter der Schweiz an der dritten Weltkonferenz gegen Rassismus, die im September 2001 in Durban stattfand, erklären, die Schweiz habe mit Sklaverei, Sklavenhandel und dem Kolonialismus nichts zu tun gehabt. Es schien uns also wichtig, das bestehende Material zusammenzutragen und durch neue Beiträge zu vervollständigen.


Afrikanet.info: War es einfach, diesbezügliche Dokumente in der Schweiz zu erhalten?

Nein, es ist schwierig Zugang zu den Dokumenten zu erhalten, die eine Aufarbeitung dieser Geschichte ermöglichen. Wir haben uns auf Privatarchive in der Schweiz, auf Dokumente der schweizerischen Konsulate in Ländern, in denen Sklaverei betrieben wurde, und auch auf die Archive der französischen Sklavenhandelshäfen gestützt. Oftmals ist es nicht leicht, die Privatarchive der beteiligten Familien einsehen zu können. So ist zum Beispiel ein Manuskriptbestand, der ausführlich über die Sklavenhandelsgeschäfte des schweizerischen Unternehmens Burckhardt Auskunft gibt, 1935 während des Abrisses des Wohnhauses der Familie zwischen zwei niedergerissenen Mauern entdeckt.

Afrikanet.info: Wie haben die Schweizer Ihr Buch aufgenommen?

Das Buch wurde mit grossem Interesse aufgenommen und viele Schweizer Medien berichteten über unsere Arbeit. Es sind uns keine negativen Reaktionen zu Ohren gekommen.

Afrikanet.info: Gab es einen Unterschied zwischen die schweizer Behandlung von Sklaven und der Art und Weise, wie andere Länder wie Frankreich, Holland oder England mit ihren Sklaven umgingen?

Nein, die Schweizer Plantagenbesitzer behandelten die Sklaven, die für sie arbeiteten, nicht anders als die holländischen, französischen oder englischen Pflanzer. Diese Schweizer waren im 18. und 19. Jahrhundert Teil einer internationalen Handelselite, die an diesem gewinnbringenden Geschäft teilnahm. Sie investierten in den Sklavenhandel, kauften Sklaven und Sklavinnen, liessen Sklaven und Sklavinnen Zucker und andere Produkte anpflanzen, beteiligen sich auch - manchmal auf höchster Ebene - an der Verwaltung der Kolonien. Unsere Arbeit hat gezeigt, dass sie sich dabei in keiner Weise von den übrigen Sklavenbesitzern unterschieden.

Afrikanet.info: Ist es heute möglich eine finanzielle Evaluierung der Sklavenarbeit der für die Schweiz arbeitenden Sklaven zu erstellen?

Es ist uns aufgrund des jetzigen Standes der Forschung nicht möglich, ein Gesamtbild über den finanziellen Gewinn, der mit Hilfe des Sklavenhandels und der Sklavenarbeit von Schweizern erzielt wurde, aufzuzeichnen.

Afrikanet.info: Leben noch Nachfahren von schweizern Sklavenhändlern? Wenn ja, wie haben diese auf Ihr Buch reagiert?

Die Nachfahren von Schweizern Sklavenhändlern und Sklavenbesitzern leben natürlich noch, es sind uns aber keine direkten Reaktionen auf unser Buch bekannt.

Afrikanet.info: Sind Sie im Laufe ihrer Arbeit auf Dokumente gestoßen, die Österreich oder besser gesagt auf die Österreichisch-Ungarische Monarchie betreffen?

Wir haben uns auf die Beteiligung von Schweizern, oder besser gesagt von Bürgern der heutigen Schweizer Kantone (der Schweizer Bundesstaat wurde ja erst 1848 gegründet) konzentriert. Ich kann Ihnen leider keine Informationen zu Sklavenhändlern oder Sklavenbesitzern aus der österreichisch-ungarischen Monarchie geben. Eine historische Aufarbeitung dieser Frage wäre aber sicherlich sehr wünschenswert.

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Thomas David, Bouda Etemad, Janick Marina Schaufelbuehl
Schwarze Geschäfte Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert
Aus dem Französischen von Birgit Althaler
November 2005 ca. 200 Seiten,
etwa 15 Abbildungen,
Pappband ca. sFr. 34.-, (D) 22.-, (A) 22.60
ISBN 3 85791 490 4 www.limmatverlag.ch







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