Datum: 26.11.08 11:48
Kategorie: Kommentare, Deutschland-Gesellschaft

Von: Thomas Usleber

Wir sind Präsident - Der Unterschied zwischen Schwarz und "black"

Thomas Usleber

Wir werden hinzugezählt. Menschen dunkler Hautfarbe werden in Deutschland genauso wie in den USA zu einer Gruppe vereinigt – von manchem sogar zu einer „Rasse“, obwohl das Wort als Einteilung von Menschengruppen genetisch widerlegt und politisch inkorrekt ist.

Wir – das sind Menschen dunkler Hautfarbe.

In diesen Tagen werden wir zu Obama gezählt. Und es gibt kaum einen unter uns, der nicht hinzugezählt werden möchte. Wir sind stolz, dass einer von uns in dieses große Amt gewählt worden ist. Wir sind Präsident!

Tatsächlich gibt es jedoch Unterschiede zwischen „Afro-Amerikanern“ und „Afro-Deutschen“, zwischen „black“ und „schwarz“. Sicherlich ist uns die dunkle Hautfarbe gemeinsam und auch die Wurzeln nach Afrika sind vorhanden, mal direkt, mal indirekt, aber bei den Amerikanern kommt mehr dazu: sie haben eine gemeinsame Identität.

Schwarze Deutsche müssen sich ihre jeweilige persönliche Identität selbst suchen und finden sie oft genug nicht. Während die schwarzen Amerikaner von allen im In- und Ausland als Amerikaner angesehen werden, werden die Schwarzen mitunter nicht einmal von anderen Deutschen als Deutsche betrachtet – und oft genug auch nicht behandelt.

Ich wollte als Kind nichts lieber als deutsch sein, genauso sein wie alle anderen Kinder um mich herum. Erst nach jahrelangen Erfahrungen mit Menschen, die mich mal mehr, mal weniger deutlich spüren ließen, dass ich keiner der ihren sein darf, habe ich mich dazu durch gerungen, es auch nicht mehr um jeden Preis sein zu wollen. Dass ich mich heute also nicht als Deutscher fühle, war nie von mir gewollt. Vor etwa einem Jahr habe ich einen amerikanischen Pass erhalten und da steht zum ersten Mal etwas drinnen, was mir niemand mehr streitig macht: Nationality: United States of America.

Das Groteske daran ist: Dadurch, dass ich hier aufgewachsen bin, von einer deutschen Mutter erzogen wurde und Deutsch meine Muttersprache ist, bin ich innerlich weitaus mehr ein Deutscher.

Barack Obama ist ebenso wie ich eher ein Weißer. Auch er wurde von einer weißen Mutter erzogen und hatte mit seinem kenianischen Vater wenig zu tun. Seine familiären Verhältnisse sind den meinen nicht unähnlich.

Auch Barack Obama wird als „black“ bezeichnet, obwohl man ihn genauso richtig als „white“ bezeichnen könnte. Allerdings definieren dort wie hier Außenstehende wer was ist. Und dort wie hier fast einzig anhand der Farbe der Haut.

Aber die Farbe der Haut ist nicht schwarz. Wenn wir uns Schwarze nennen, dann meinen wir etwas jenseits der Hautfarbe und jenseits der ethnischen Zugehörigkeit. Schwarz bedeutet für uns ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein gemeinsames Schicksal, gemeinsames Verstehen. Wir haben es von den „Blacks“ gelernt. Von jenen, die sich in den 1960er Jahren aufmachten, diesen bis dato negativ besetzten Begriff kurzerhand neu zu definieren. Black wurde einfach nicht länger als minderwertig angesehen, black wurde beautiful, wurde zur „Black Power“.

In Amerika haben es die Blacks in kaum mehr als 40 Jahren von der Rassentrennung zum Präsidenten geschafft. Das gelobte Land, das Martin Luther King schon gesehen, aber nicht mehr betreten durfte, ist erreicht. Wir wissen, dass dies nicht das Ende der Benachteiligung und des Rassismus ist. Aber es ist der Anfang von einem neuen Denken. In Zukunft werden noch viele Begriffe neu besetzt werden.

Wird etwas davon auf Deutschland überschwappen? Wenngleich Deutschland in den letzten 40 Jahren im Hinblick auf ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen aller Hautfarben und jedweder Herkunft weniger erreicht hat, so kann man sich auch hier dieser historischen Wendung in der Geschichte der Vereinigten Staaten nicht verschließen.

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Thomas Usleber – Autor der Autobiographie „Die Farben unter meiner Haut“ (Frankfurt am Main, 2002). 1960 geboren und aufgewachsen als Sohn eines schwarzen US-Soldaten und einer deutschen Mutter in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Idar-Oberstein, widmet sich seit mehreren Jahren dem Thema „Schwarze Deutsche“ und steht in engem Kontakt mit den wenigen Personen, die sich in sozialwissenschaftlichen Studien damit befassen: u.a. Susan Weill (Texas State University), Garnet Parris (Uni Birmingham) und Annette Mbombi (Uni Paderborn)

Foto: Thomas Usleber

 

 







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