Datum: 10.12.08 22:37
Kategorie: Deutschland-Politik

Von: FR-ONLINE - Viktor Funk und Andreas Schwarzkopf

André Shepherd: US Deserteur beantragt in Deutschland Asyl

Bild:Falk Heller / argum

Interview mit Irak-Veteran Shepherd

"Meine Regierung hat mir das Herz gebrochen"

Irak-Veteran André Shepherd ist der erste US-Soldat, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hat. Im April 2007 ist er desertiert. In den USA droht ihm dafür sogar die Todesstrafe. Er aber sagt: "Ich kann nicht mehr an diesem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen."

Mr. Shepherd, wie fühlt man sich als Vaterlandsverräter?

Einerseits denke ich, ich muss verrückt gewesen sein, zu desertieren und als erster US-Soldat in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Andererseits bin ich erleichtert und habe das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Nach dem Asylantrag kann ich endlich in der Öffentlichkeit sagen, was ich denke und fühle.

Wann und wie sind Sie desertiert?

Am 11. April 2007, kurz vor dem erneuten Abmarsch in den Irak, entfernte ich mich von der Truppe. Wir waren damals in Süddeutschland stationiert. Dort tauchte ich unter. Ich lebte bei Freunden und habe mich gefühlt, als ob ich nicht existiere. Dabei musste ich auch vorsichtig sein, um nicht von der Polizei aufgegriffen und ausgeliefert zu werden. Ich lebte in permanenter Angst.

Gab es brenzlige Situationen?

Ich bin zweimal kontrolliert worden. Die Beamten dachten, ich sei ein illegaler afrikanischer Arbeiter. Als ich meine Papiere als US-Soldat zeigte, ließen sie mich aber gehen. Jetzt lebe ich in einem Asylbewerberheim und bin bis zum Ende des Verfahrens vor einer Auslieferung sicher.

Die US-amerikanischen Medien gehen Sie teilweise scharf an, Ihre Landsleute beschimpfen Sie im Internet… 

Klar, in den USA ist man ein Held, wenn man der Armee beitritt. Die Leute schauen zu dir auf. Du bist der Verteidiger der Freiheit. Doch wenn du der Armee den Rücken kehrst, auch wenn du einen guten Grund hast wie ich, dann sehen dich viele Amerikaner als jemanden, der die Nation betrogen hat. Die denken, ich hätte die Jungs im Irak verraten.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Ich habe lange Zeit nicht mit ihnen kommuniziert, keine Post, keine Anrufe. Ich wollte sie schützen, wollte nicht, dass das FBI oder andere nach mir suchen. Erst an Weihnachten 2007 sprach ich mit ihnen. Dann erst wieder kurz bevor ich den Asylantrag stellte. Für meinen Vater war es zunächst schwer, meine Entscheidung zu akzeptieren. Er war stolz, dass ich zur Armee gegangen bin. Er sprach dann aber viel mit meinem Großvater, der sich intensiv mit dem Irakkrieg auseinandergesetzt hat. Jetzt versteht mein Vater meine Situation und unterstützt mich - wie meine ganze Familie. 

Wann werden Sie Ihre Familie wieder sehen?

Das weiß ich nicht. Ich werde Deutschland nicht so bald verlassen können. Und selbst wenn ich Asyl bekomme, kann ich wohl auf keinen Fall zurück in die USA. Meine Verwandten müssen schon hierher kommen, und ich weiß nicht, ob und wann sie das tun werden. 

Wie geht es jetzt weiter? 

Das kann ich nicht beantworten. Mein Anwalt und ich glauben, das Gesetz ist auf unserer Seite. Die EU-Qualifikationsrichtlinien sagen, die Staaten der Union müssen Soldaten einen Flüchtlingsstatus gewähren, wenn diese nicht an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen wollen. Der Irak-Krieg ist ein Aggressionskrieg, der ganz klar gegen die Charta der Vereinten Nationen verstößt. Er ist völkerrechtswidrig. Andererseits sind die Vereinigten Staaten ein mächtiges Land. Sie werden alles tun, um meine Anerkennung als Flüchtling zu verhindern. In Deutschland wiederum sind rund 60 000 US-Soldaten stationiert. Viele von ihnen wollen auch nicht in den Irak. Wenn ich mit meinem Antrag erfolgreich sein werde, könnten einige meinem Beispiel folgen. So oder so - ich werde wohl lange auf eine Entscheidung warten müssen. 

Sie leben also von einem Tag auf den anderen?

Ja.

Keine Gedanken an die Zukunft, keine Träume?

Nun, wenn sich die Dinge positiv entwickeln, würde ich gerne mein Studium zu Ende bringen und irgendwann ein eigenes Unternehmen gründen. Ich möchte eine Familie, und ich möchte reisen.

Wenn Ihr Antrag abgelehnt wird, werden Sie wohl den US-Behörden überstellt. Ihnen drohte dann eine mehrjährige Haftstrafe oder gar die Todesstrafe.  

Ja.

Bereuen Sie es manchmal, die Armee verlassen zu haben?

Nein. Ich würde es wieder tun. Wir haben im Irak zu viele Menschen getötet und zu viel zerstört. 

Wann haben Sie zum ersten Mal an Ihrer und der US-Mission im Irak gezweifelt? 

Das war ein langer quälender Prozess. Angefangen hat es während meines Einsatzes im Irak, wo ich als Mechaniker für den Kampfhubschrauber AH-64A-Apache in Camp Spiecher in der Nähe von Tikrit stationiert war. Im November 2004 begann die Offensive in Falludscha. Am Ende eroberten alliierte Einheiten die Stadt, die etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad liegt. Dorthin waren angeblich tausende Aufständische und Terroristen geflüchtet. Es gab ein Ultimatum, damit Zivilisten die Stadt verlassen konnten. Die Bilanz des Einsatzes fand ich erschreckend: Nach US-Angaben wurden 1200 Aufständische und 700 Zivilisten getötet. 65 Prozent der Häuser waren zerstört. Das hatte nichts mehr mit dem Ziel zu tun, den Irakern Frieden und Freiheit zu bringen.

Wann haben Sie all das herausgefunden?

Vor Ort erfuhren wir fast nichts. Die Piloten und die Vorgesetzten sagten, die Einsätze seien geheim. Von den Einheimischen, die in unserem Camp arbeiteten, erfuhr ich auch nichts. Kaum einer von ihnen sprach Englisch. Mit meinen Kameraden konnte ich auch nicht reden. Schließlich gilt der Grundsatz: Wer an dem Einsatz zweifelt, gefährdet die Mission. Die Soldaten wissen nicht, was sie dort tun? 

Sie wissen nicht viel Konkretes, nur manches sickert durch. Aber ich wusste: Die Kampfhubschrauber sind fliegende Panzer mit einer erheblichen Zerstörungskraft. Alles in allem behielt ich aber meine Zweifel für mich und recherchierte erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland, was wir im Irak eigentlich machen. 

Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen? 

Ich wollte auf keinen Fall wieder zurück in den Irak. Und ich konnte hoffen. Ich hatte einen Bürojob. Also dachte ich zunächst, ich könnte meinen fünfjährigen Vertrag erfüllen, ohne jemals wieder aktiv an diesem Krieg teilnehmen zu müssen. Diese Hoffnung musste ich Anfang 2007 aufgeben, als der zweite Marschbefehl in den Irak kam. Ich ging zu meinem Vorgesetzten und bat ihn, nicht mitgehen zu müssen. Er lehnte ab.

Und dann?

Ich suchte nach einem Ausweg. Ich wollte aber nicht wie andere den Befehl verweigern, um anschließend mehrere Monate im Gefängnis sitzen zu müssen. Ich hatte schließlich nichts falsch gemacht. Die US-Regierung hatte einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen. Für diesen Fehler wollte ich nicht bezahlen und unehrenhaft aus der Armee entlassen werden. Ich wollte auch nicht als verurteilter Krimineller durchs Leben gehen. Den Kriegsdienst wollte ich auch nicht verweigern. Ich bin gegen den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak. Ich würde aber die Waffe in die Hand nehmen, um mein Land zu verteidigen, wenn es angegriffen wird.

Warum haben Sie sich nicht über den Krieg im Irak informiert, bevor Sie Soldat wurden?  

Das hat viele Gründe. Ich hatte im Frühjahr 2000 mein Informatik-Studium abbrechen müssen, weil ich es nicht mehr finanzieren konnte. Anschließend hielt ich mich mit Aushilfsjobs über Wasser. Im Jahr 2003 war ich sechs Monate lang obdachlos und lebte in meinem Auto. Ich versuchte, zu überleben. Ich bekam nicht viel mit, was um mich herum geschah. 

Die Armee als Ausweg aus der Misere - wie bei vielen GIs.

Ja, in dieser Zeit traf ich zufällig einen Rekrutierer auf der Straße. Er fragte mich, ob ich Zeit für ihn hätte. Bei einem Kaffee sagte er, ich sähe aus wie jemand, der anderen Menschen helfen wolle. Er erzählte mir, die Armee brauche Leute wie mich, um gegen Terroristen und Diktatoren zu kämpfen.

Das war zwei Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center?

Ja. Wie viele meiner Landsleute brannte auch ich darauf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem erzählte er mir, wie sehr sich die Armee um mich kümmern werde. Ich bekäme ein Gehalt, werde medizinisch versorgt, könnte zu Ende studieren und und und. Für all das müsse ich mich zunächst lediglich für 15 Monate verpflichten. Er erzählte mir aber nicht, dass die Armee nach dieser Zeit bestimmt, ob ich gehen darf oder nicht. Das bekam ich erst viel später heraus. Doch von dem Gespräch war ich damals beeindruckt. Ich glaubte, ich könnte viele meiner Probleme lösen.

Wieviel Gehalt haben Sie bekommen?

Die ersten sechs Monate verdient ein Soldat rund 400 Dollar im Monat. Aber schon bald steigt das Einkommen auf bis zu 2000 Dollar. Einen Bonus von 5000 Dollar gibt es, wenn man nach den 15 Monaten freiwillig verlängert. Nimmt man alles zusammen, ist das ein gutes Angebot. 

Hat die Armee Sie ausgetrickst? 

Ja und nein. Sie haben mir nicht alles gesagt, sonst hätte ich nicht unterschrieben. Gleichzeitig konnte für mich zunächst nur alles besser werden. Also wurde ich im Januar 2004 Soldat. 

Wir müssen noch mal nachfragen: Sie haben sich tatsächlich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was Sie erwarten könnte? 

Nicht wirklich. Erst mit der Zeit begriff ich, auf was ich mich da eingelassen hatte. Ich war auch ein wenig naiv. Es war die Zeit, in der viele in den USA dachten, wir verteidigen die Freiheit und bringen anderen die Demokratie. Es brach mir das Herz, als ich in den folgenden Jahren herausfand, dass unsere Regierung kein bisschen besser war als jene, die wir bekämpften. Besonders zwischen 2004 und heute passierten so viele erschütternde Dinge. Die Einschränkung der Bürgerrechte, die Folter in Abu Ghraib und in Guantánamo. Nichts davon hat mit den Vereinigten Staaten zu tun, in denen ich aufwuchs. Ich musste abwägen, ob ich weiter meine Prinzipien und die der US-Verfassung mit Füßen trete oder ob ich für sie einstehe.

Wer brach Ihnen das Herz?

Washington und die Bush-Regierung.

Sind Sie wütend? 

Und wie! Es macht mich wütend, wenn Menschen getötet werden, denen wir Frieden und Freiheit bringen wollten. Es macht mich wütend, wenn das eine Regierung zu verantworten hat, die uns etwas vom gerechten Kampf erzählt, dann aber die eigenen Ziele nicht verfolgt. Es macht mich wütend, dass mich Leute in eine Situation gebracht heben, in der ich mitverantwortlich bin für den Tod von vielen Unschuldigen. Und wütend macht mich, dass die tatsächlich Verantwortlichen in Washington wie Bush und seine Krieger nicht zur Rechenschaft gezogen werden für ihre Taten. Diese Leute werden weiter seelenruhig auf ihrer Ranch leben oder hochdotierte Jobs annehmen, obwohl sie Blut an ihren Händen haben.

Hoffen Sie auf den künftigen US-Präsidenten Barack Obama? 

Nein. Er hat bisher die beiden Kriege in Afghanistan und im Irak nicht verurteilt. Er hat lediglich gesagt, der Irak-Krieg sei ein Fehler gewesen. Obama hat auch Bush und seine Gang nicht verurteilt. Solange er das nicht sagt, vermittelt er den Eindruck, alles sei in Ordnung. Wenn Obama es aber ernst meint mit seinem propagierten Wandel, dann muss er den Krieg stoppen und mit den beteiligten Menschen und Regierungen reden. Das wird nicht einfach. Wie sollen wir uns für all die unschuldig getöteten Iraker und Soldaten entschuldigen? 

Was muss Obama tun, um Ihr Vertrauen zu gewinnen? 

Obama muss die Frage beantworten, wie wir das geschehene Unrecht wieder gut machen können. Ein Anfang wäre eine Feuerpause, während der Obama sich im Namen Amerikas entschuldigt. Anschließend muss er die verantwortliche Bush-Regierung anklagen. Schließlich haben sie unter anderem die Verfassung der Vereinigten Staaten mit Blut besudelt. 

Mr. Shepherd, Sie werden vielleicht nie zu Ihrer Familie zurückkehren können. Ist Ihnen das wirklich schon bewusst geworden?

Ja, ich weiß, dass es diese Möglichkeit gibt.

 

Zur Person

André Shepherd aus Ohio will in Deutschland als Flüchtling anerkannt werden. Der 31-Jährige und sein Anwalt argumentieren, die EU-Staaten seien durch die Qualifikationsrichtlinien dazu verpflichtet, Soldaten aufzunehmen, die nicht an einem völkerrechtswidrigen Krieg teilnehmen wollen. Dazu zähle der Irak-Feldzug. Shepherds Fall ist bislang einzigartig. Er ist kein politisch Verfolgter oder Mitglied einer verbotenen Partei. Beides anerkannte Gründe für einen Asylantrag. 

 

Sollte er abgelehnt werden, wird er den US-Behörden überstellt. Wird er anerkannt, muss er damit rechnen, nie mehr in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.

 

Sein Dilemma besteht auch darin, dass er den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak ablehnt, nicht aber das Militär. In diesem Fall hätte er Chancen gehabt, als Verweigerer anerkannt zu werden. Er wollte aber nicht den Marschbefehl verweigern, denn "ich habe nichts falsch gemacht".

 

 

 

 

Quelle:

FRANKFURTER RUNDSCHAU ONLINE







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