Datum: 16.12.08 22:21
Kategorie: Deutschland-Politik

Von: Berliner Zeitung/Frank Nordhausen

Gerson Liebl aus Togo kämpft seit achtzehn Jahren Deustcher zu sein

Des Dramas nächster Akt

Gerson Liebl (Bild Recht) aus Togo kämpft seit achtzehn Jahren darum, Deutscher zu sein. Er ist bis zum Bundespräsidenten gegangen - jetzt sitzt er mit seiner Frau in Abschiebehaft

BERLIN. Als Ginette Liebl am Sonnabend mit ihrem Sohn Gergi vor dem Plattenbau in Berlin-Grünau steht, in dem die Abschiebehäftlinge leben, fragt der kleine dunkelhäutige Junge mit der Baseballkappe: "Mama, müssen wir jetzt auch ins Gefängnis, wie Papa?" "Aber nein, Gergi", beruhigt ihn die 43-jährige Frau. "Papa kommt auch bald wieder raus." Er sei doch Deutscher von seiner Abstammung her. Gergi blickt auf die mit Stacheldraht bewehrten Gefängnismauern, die vier Meter vor ihm aufragen. Dann schließen sich schwere Türen hinter dem Jungen und seiner Mutter.

Ginette Liebl und ihr achtjähriger Sohn sind gekommen, um ihren Mann und Vater zu besuchen, der hier auf seine Abschiebung nach Togo wartet. Er ist am Freitagmittag festgenommen worden, als er im Jobcenter Lichtenberg einen Antrag auf Hartz IV stellen wollte - wie man es ihm bei der Berliner Caritas empfohlen hatte. "Weil er gearbeitet hat, hat er ein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Wir müssen von irgend etwas leben", sagt Ginette Liebl. "Haben die Beamten kein Herz?" fragt sie.

Doch die Beamten haben nur entschieden, wie es das Gesetz vorsieht. Gegen den 46-jährigen Gerson Liebl liegt ein Gesuch der Ausländerbehörde aus dem bayerischen Straubing vor, demzufolge er "sich illegal im Bundesgebiet aufhält". Als sie im Jobcenter den Namen Gerson Liebl in den Computer eintippten, erschien die Anweisung, ihn festzunehmen. Es erschien kein Report über das tragische Schicksal von Gerson Liebl.

Togoese deutscher Abstammung

Am Freitag hatte die Berliner Zeitung an dieser Stelle die merkwürdige Geschichte von Gerson Liebl erzählt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seit fast zwei Jahrzehnten dafür kämpft, als Deutscher anerkannt zu werden. Gerson Liebl, der seit 1991 in Deutschland lebt, hat einen deutschen Großvater, weshalb man ihn, käme er aus Kasachstan, vermutlich als deutschen Spätaussiedler anerkennen würde. Aber Gerson Liebl stammt aus Togo in Westafrika, das ist das Problem.

Vor hundert Jahren heiratete der aus Straubing stammende kaiserliche Regierungsarzt Friedrich Liebl im deutschen Schutzgebiet Togoland eine Häuptlingstochter. Er nahm sie 1908 nach togoischem Recht zur Frau, weil die Kolonialgesetze legale Ehen zwischen Deutschen und "Togo-Negern" untersagten. Fritz Liebl verließ Togo 1911 und kümmerte sich nicht mehr um seine Frau und seinen Sohn Johann. In Bayern heiratete er wieder.

Sein Enkel Gerson Liebl wird 1962 geboren, lernt Deutsch und beschließt, nach Deutschland zu gehen, wo seine Wurzeln liegen. Seit 1991 kämpft er um einen deutschen Pass für sich und seine Familie. Nach Intervention des Petitionsaussschusses des Bundestags gewährt man ihm 2003 ein Aufenthaltsrecht, das ihm die Ausländerbehörde in Straubing 2005 jedoch wieder entzieht. Liebl klagt gegen die amtlichen Bescheide und verliert in allen Instanzen. Sein Pech ist, dass ihm eine deutsche Bestätigung für die Ehe seiner Großeltern fehlt, denn die kolonialen Rassegesetze wurden nie aufgehoben.

Nach Abschluss des Rechtsweges wird gegen Familie Liebl im Frühjahr 2008 ein Abschiebungsbeschluss nach Togo erwirkt. Zugleich macht die Stadt Straubing jedoch ein Angebot: Die Liebls könnten die so genannte Altfallregelung des Zuwanderungsgesetzes in Anspruch nehmen und sich langfristig einbürgern lassen. Doch Gerson Liebl lehnt ab. Er will keine Almosen, er besteht auf seinem Recht. Vor drei Wochen reist er mit seiner Familie nach Berlin, um Hilfe beim Bundestag und Bundespräsidenten zu suchen. Bislang vergeblich.

Als er am Freitag von der Polizei festgenommen wird, bleibt seine Frau Ginette in Freiheit. Nach gründlicher Kontrolle werden Ginette Liebl und ihr Sohn Gergi am Sonnabend in den Besucherraum des Abschiebungsgefängnisses geführt. Dann kommt Gerson Liebl in das Zimmer. Der Vater umarmt seinen Sohn, nimmt die Hand seiner Frau. Er sagt: "Es geht mir schlecht. Ich bin zu Unrecht verhaftet worden." Er zeigt den richterlichen Haftbeschluss vor, in dem von Fluchtgefahr die Rede ist. "Das ist lächerlich", sagt Gerson Liebl. "Ich will nicht flüchten. Ich will endlich meinen deutschen Pass."

Nach einer Stunde ist die Besuchserlaubnis verstrichen, Ginette Liebl und ihrem Kind stehen Tränen in den Augen. "Nicht weinen, mein Schatz, hab nur Mut", sagt Gerson Liebl zu seinem Sohn.

Doch als Ginette Liebl mit dem Jungen das Gefängnis verlassen will, stehen plötzlich drei Vollzugsbeamte vor ihr. "Frau Liebl, es tut uns Leid, gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor. Wir müssen Sie im Abschiebungsgewahrsam unterbringen", sagt einer von ihnen. Erschrocken schaut ihn die Frau an. Gergi bleibt tapfer. Stunden später beschließt ein Richter, dass Ginette Liebl im Gefängnis bleiben muss. Gergi darf zunächst mit zu seinen Eltern in die gemeinsame Zelle. Am heutigen Montag, wenn er eigentlich wieder zur Schule muss, wird entschieden, was mit ihm geschieht.

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Foto: Gerson Liebl kam nach Berlin, um Hilfe bei Politikern zu suchen.

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Quelle: BERLINER ZEITUNG, 15.12.2008

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Internetseite Gerson Liebl


Dateien:
TogoLiebl.jpg





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