Datum: 14.01.09 23:30
Kategorie: Deutschland-Gesellschaft

Von: Schweriner Volkszeitung/Maren Ramünke-Hoefer

Mecklenburg-Vorpommern: Zur Situation von Afrikanern in Schwerin

Rafik Usta (C)Schweriner Volkszeitung

"In Schwerin fallen wir Afrikaner sofort auf, weil es hier so wenige von uns gibt. Wir bleiben Exoten." Das sagt ein Mann, der seit knapp 24 Jahren in Schwerin lebt und sich als waschechter Mecklenburger definiert: Rafik Usta. 1984 kam er als Student aus Mosambik. Am heutigen Welt-Afrika-Tag erzählt er gemeinsam mit seinem Freund Romeo Chiulele von seinem Leben, von den Chancen und Problemen als Afrikaner in Schwerin.

 

Meklenburg-Vorpommern/Schwerin - Romeo Chiulele lebt seit 22 Jahren in Deutschland, hat hier drei Kinder im Teenager-Alter und hält große Stücke auf das Land, das nicht nur ihm, sondern auch seinen Eltern und den neun Geschwistern in Mosambik ein besseres Leben ermöglichte. "Der erste Kühlschrank der Familie kam aus Deutschland, der Strom wird mit dem Geld aus Deutschland bezahlt, mein Bruder konnte zur Schule gehen und studieren, weil ich die Familie unterstützt habe", erzählt er stolz.

Und dennoch: Mittlerweile überlegt er, wieder zurückzugehen in seine Heimat. In die Wärme und in ein Land, in dem die Menschen herzlicher miteinander umgehen, wie er findet. "Wenn wir in Mosambik abends merken, dass wir nichts mehr zu trinken haben, dann gehen wir zum Nachbarn und leihen uns etwas", sagt er. "Das habe ich hier auch versucht - die Menschen schauen einen merkwürdig an oder machen gar nicht erst die Tür auf." 

Im Laufe der Jahre habe er gelernt sich anzupassen. Heute fragt er die Nachbarn nicht mehr und wundert sich nur noch ein bisschen, wenn ihn Arbeitskollegen privat nicht grüßen. "In Mosambik würde es das nicht geben", sagt er lächelnd.

Auch Fremde würden dort freundlicher aufgenommen, pflichtet Rafik Usta bei. Der 44-Jährige fühlt sich als Schweriner durch und durch. Doch wenn er einkaufen geht, bemerkt er auch 24 Jahre nach seiner Ankunft in dieser Stadt die argwöhnischen Blicke der Verkäufer und der Menschen um ihn herum. Wenn er abends ausgehen will, hört er manchmal von den Türstehern: "Da sind jetzt schon zehn Afrikaner drin, mehr lassen wir nicht rein, sonst gibt es wieder Ärger." Diskriminierung habe es eben schon immer gegeben und das werde auch in Zukunft so sein, ist sich Usta sicher. Überall, da sei Mecklenburg keine Ausnahme. "Das war auch vor der Wende so, nur dass sich damals niemand traute, uns offen mit Worten abzulehnen." Allerdings habe der Grad der Diskriminierung in den vergangenendrei Jahren zugenommen, findet Usta - seiner Ansicht nach ein Resultat der schlechteren wirtschaftlichen Lage. "Aber ich lasse mich davon nicht einschränken ", sagt er.

Gemeinsame Ziele klarer definieren1984 kam Rafik Usta nach Schwerin. "Hätte ich es mir aussuchen können, dann hätte ich gerne Medizin studiert", sagt er heute. Aber eine große Wahl hatte der damals 20-jährige Mosambikaner nicht. Zum Studium durfte er in ein sozialistisches Bruderland ausreisen, nach Kuba, Bulgarien, die Sowjetunion oder in die DDR. Was er dort studierte, sollte aber vor allem dem jungen afrikanischen Staat dienen, der erst 1975 seine Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte. Für Rafik Usta war ein Maschinenbaustudium in der DDR vorgesehen. Nach einem halben Jahr Deutschkurs in Leipzig machte er in Schwerin seinen Gesellenbrief als Tiefbauer, studierte anschließend in Magdeburg Maschinenbau und musste 1987 wieder heim nach Ostafrika - obwohl in Schwerin gerade seine Tochter geboren worden war. Ein Jahr später kehrte er als Vertragsarbeiter zurück - nach Cottbus. Seine deutsche Familie sah er an den Wochenenden. Kurz nach der Wende zog er endlich ganz zu ihnen. Heute ist Rafik Usta selbstständiger "Häuserverpacker", wie er sagt. Deutschlandweit sorgt er sich um umweltgerechte Verplanung von Sanierungsobjekten oder Schiffen.

Anfang der 90er-Jahre engagierte er sich in Schwerin beim Aufbau des Büros der Ausländerbeauftragten. "Damals haben wir alle hier gut nebeneinander gelebt", sagt er. "Kubaner, Angolaner, Vietnamesen, Algerier, Mosambikaner. Das Wort Integration habe ich damals nie gehört. Auch heute frage ich mich immer wieder: Welche Integration ist gemeint - die kulturelle, wirtschaftliche, soziale? Wo fängt sie an und wo hört sie auf?" Die klare Definition von gemeinsamen Zielen vermisst Rafik Usta in der Diskussion um Ausländer in Deutschland. "Nur die Sprache zu lernen, reicht nicht." Auch die Deutschen müssten sich fragen, inwieweit sie Zuwanderer wirklich teilhaben lassen wollen - auch wirtschaftlich. Eine einfache Zieldefinition könnte Ustas Ansicht nach so aussehen: "Wir wollen dafür werben, dass man gut gemeinsam in diesem Land leben kann, ohne Streit."

Rafik Usta ist vielen Schwerinern nicht nur bekannt als engagierter Streiter für die Rechte der Ausländer, sondern auch als Künstler. "Ich male schon seit meiner Jugend", sagt er. Immer wenn er abspannen will, auf andere Gedanken kommen, greift er zu Farbe und Pinsel. "In der Kunst kann ich mir die Freiheit holen, die ich brauche." 

 

Erschienen am 6.1.2009 in der Schweriner Volkszeitung

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Quelle: SCHWERINER VOLKSZEITUNG

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