Datum: 27.01.09 23:00
Kategorie: Deutschland-Gesellschaft

 

D: Äthiopische Familie wegen Verdacht auf Beschneidung verfolgt

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Ein Ehepaar äthiopischer Herkunft lebt gut integriert in einer badischen Kleinstadt - bis plötzlich das Jugendamt und ein Gericht der Familie pauschal unterstellen, sie wolle die Tochter beschneiden lassen. Wie sollen die Eltern je beweisen, dass sie diese Absicht nie hatten?

Deutschland/Schopfheim - Manchmal fragt sich Yacob H., wo denn eigentlich die Grenze ist. Er überlegt, wie lange dieser Zustand noch andauern wird, was die Familie noch ertragen kann und vor allem, wo Deutschland denn genau zu Ende ist. Das ist wichtig in diesen Tagen. Im südbadischen Schopfheim ist es gar nicht so leicht zu sagen, wo das eine Land anfängt und das andere aufhört. Es sind ein paar Kilometer in die Schweiz und ein paar mehr nach Frankreich. Normalerweise ist das eine schöne Sache, man kann schnell einen Ausflug machen. In diesen Tagen fragt sich Yacob H. aber bereits, ob er mit seiner Tochter überhaupt noch den Zug nach Freiburg nehmen kann. Der Weg führt über Basel, vom deutschen Bahnhof Schopfheim fährt eine Schweizer S-Bahn. Da fängt das Problem schon an für Yacob H. und seine Familie, der ein Gericht verboten hat, ihre Tochter ins Ausland reisen zu lassen, obwohl sie Deutsche ist. Und das Ausland beginnt hier im Dreiländereck bereits fast vor der Haustür der Familie H.

Yacob H., 40, und seine Frau Anna M., 47, sind ein schönes Paar, das gerne lacht, und so haben sie auch erst einmal gelacht, als sie im Juli vergangenen Jahres vom Jugendamt hörten. Die Behörde in Lörrach teilte mit, sie wisse, dass die Familie eine Reise zu den Verwandten nach Äthiopien plane, und nun sehe das Landratsamt Lörrach, Abteilung V/Jugend, die große Gefahr, dass die zehnjährige Tochter Dinah dort beschnitten werden könnte. Dass ihr also in einem blutigen Ritual die Schamlippen oder Teile der Klitoris abgeschnitten werden könnten. Ein immer noch weit verbreitetes Ritual, das Millionen Frauen in afrikanischen und arabischen Staaten durchleiden müssen.

Yacob H. und seine Frau sind äthiopischer Abstammung, leben seit Jahrzehnten in Deutschland - sie hat einen italienischen Pass, er einen Deutschen. Sie hatten nie mit dem Jugendamt zu tun, plötzlich meldet es sich fast jeden Tag. Sie legen der Behörde Dokumente vor, die beweisen sollen, dass die Großeltern in Äthiopien gegen die Beschneidung sind, dass deren sieben Töchter, die Schwestern von Yacob H., nicht beschnitten sind. Ja, dass die ganze Familie die Beschneidung für eine schlimme Sache hält. Anna M. hat eine Tochter aus erster Ehe, die heute 26 Jahre alt ist und versichert, nicht beschnitten zu sein. Über Generationen hätten sie nicht beschnitten, warum sollten sie nun damit anfangen?

Die Großeltern sprechen bei der deutschen Botschaft in Addis Abeba vor. Er pensionierter Oberst, sie Lehrerin, "Bildungsbürgertum", notiert der Botschaftsmitarbeiter, keine Hinweise auf Genitalverstümmelung. "Die Beschneidung ist schrecklich und in Äthiopien sicher noch ein großes Problem. Wie kann man aber uns hier deshalb unterstellen, dass wir unserer Tochter Leid antun wollen?", fragt der Vater immer wieder. Er möchte nicht, dass sein Nachname in der Zeitung steht, er bekomme zu viele Anrufe von Leuten, die wegen seiner Tochter auf ihn einreden.

Zwei Monate nach dem ersten Kontakt des Jugendamtes gibt es einen Beschluss des Amtsgerichts Bad Säckingen, der den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht teilweise entzieht: "Der Schaden, der hier droht, besteht darin, dass ein zehn Jahre altes Mädchen im Falle seiner Ausreise nach Äthiopien der in diesem Land nicht unüblichen Zeremonie einer Beschneidung der Geschlechtsteile unterzogen werden könnte." Das Gericht geht zwar von einem "untadeligen" Ruf der Familie aus, bezieht sich in seiner schriftlichen Begründung aber auf Informationen des Onlinelexikons Wikipedia, wonach Äthiopien eine sehr hohe Quote von beschnittenen Frauen habe.

Ein Gericht urteilt nach Wikipedia

"Ob es Gesichtspunkte gibt, die in diesem konkreten Fall das allgemein in Äthiopien bestehende Risiko vermindern oder gar ausschließen, kann von hier aus nicht beurteilt werden", schreibt das Gericht. Das sei letztlich nichts weniger als die Umkehr der Beweispflicht, sagt der Anwalt der Familie, Claus Huber. Das Jugendamt schickt der Familie ein Formblatt, in dem sie sich verpflichten sollte, einmal im Jahr mit der Tochter einen Arzt aufzusuchen, um die Unversehrtheit des Mädchens bestätigen zu lassen. Yacob H. verweigert die Unterschrift, fühlt sich in seinen Rechten verletzt. "Fehlende Mitwirkung", notiert das Jugendamt. Alle Behörden betonen natürlich, nur das Beste zu wollen für Dinah. Man könne nur eben nichts ausschließen.

Die Mutter hat wegen der Belastungen ihre Arbeit gekündigt. Die zehnjährige Tochter hat nachts Angst, das Jugendamt könnte sie abholen. Yacob H. wird in der Stadt immer mal wieder gefragt, warum er denn seine Tochter beschneiden lassen wolle. Yacob H. ist ein höflicher Mann, er erklärt dann jedes Mal, dass er gegen Beschneidung ist. Weil sein Fall mittlerweile einige Aufmerksamkeit bekommen hat, sagt er auch: "Viele Menschen in Schopfheim sind sehr traurig über das, was passiert, und darüber, dass ausgerechnet Schopfheim mit dieser Sache in Verbindung gebracht wird. Das tut mir auch weh. Ich bin auch Schopfheimer."

Draußen schneit es ziemlich stark, in diesem Moment ist Schopfheim das genaue Gegenteil des Ortes, von dem aus sich Yacob H. und seine Frau auf den Weg gemacht haben. Yacob H. ist in Addis Abeba geboren als Sohn einer gut situierten Familie. Er geht zum Studieren nach Odessa, und mit dem Mauerfall kommt er erst nach Berlin und dann in die Nähe von Mühlhausen. 1993 lernt er in Freiburg seine heutige Frau kennen. Auch sie ist in Äthiopien geboren, hat viele Jahre in Italien und Frankreich gelebt. Aber erst in Schopfheim hat es wirklich gepasst, sagen sie. Yacob H. arbeitet als Betonbauer, seine Frau auf der Dialysestation eines Krankenhauses. Sie leben in einem Wohnblock und machen mit einem Opel Kombi Ausflüge in die Umgebung. Ein sehr deutsches Leben.

Im Sommer sollen die Kinder zu den Großeltern nach Äthiopien fahren, der Sohn war bereits dort, für die Tochter wäre es das erste Mal. Weil die Flüge ziemlich teuer sind, sollen die Kinder ohne die Eltern fliegen, in der Maschine wäre aber der Vater des Patensohns von Yacob H. gewesen, ein enger Freund. Am Flughafen in Addis Abeba hätten die Großeltern gewartet. Im Krankenhaus erzählt Anna M. den Kolleginnen von der Reise und darüber, wie sehr sie sich für die Kinder freue. Eine Kollegin, so hat es Anna M. im Nachhinein erfahren, hat über Wochen den anderen Schwestern erzählt, sie glaube, die Tochter Dinah solle im Urlaub beschnitten werden, obwohl es überhaupt keine Anzeichen dafür gab. Schließlich landete der Fall bei der "Task Force für effektive Prävention von Genitalverstümmelung", die das Jugendamt in Lörrach einschaltete.

Die Task Force ist eine kleine Initiative, die 2007 von Ines Laufer, 35, in Hamburg gegründet wurde und in Politik und Gesellschaft gegen Beschneidung kämpfen will. Die Arbeit ist ehrenamtlich, was sie sonst macht, möchte Laufer nicht sagen, außer dass sie freiberuflich tätig ist. Früher einmal war sie bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Deren Ansatz sei ihr aber nicht "zielführend genug", sagt sie.

"In Äthiopien gibt es kollektive Gewalt in einem Ausmaß, das wir gar nicht kennen", sagt Laufer. Und die Gewalt mache auch nicht an der Grenze halt oder deshalb, weil jemand Deutscher werde. Ihr Ziel ist es, dass alle hier lebenden Kinder aus Risikogruppen registriert und bis zum 18. Lebensjahr mit einem generellen Ausreiseverbot belegt werden sollten. Zur "Risikogruppe" gehört jeder, bei dem zumindest ein Elternteil in Ländern wie Gambia, Äthiopien oder dem Irak geboren wurde, insgesamt 26 Staaten stehen auf ihrer Liste, was ihr zufolge eine Gesamtzahl von etwa 50000 Kindern ergibt, deren Eltern das Sorgerecht teilweise entzogen werden müsste. Ein solches Programm wäre ein "erheblicher Eingriff in verschiedene Grundrechte (. . .), dessen Verhältnismäßigkeit zweifelhaft ist", schreiben drei Bundesministerien als Antwort auf die Vorschläge von Laufer. Der Plan wäre "mit einer massiven gesellschaftlichen Stigmatisierung verbunden". Es wäre nichts weniger als ein Generalverdacht. Ines Laufer nennt es einfach einen "Generalschutz".

Sie telefoniert mit dem Jugendamt in Lörrach, von dort geht die Sache vor Gericht. Im August, im ersten Verfahren, sehen weder das Amtsgericht noch das Jugendamt eine Gefahr für das Kind und glauben den Eltern. Wenige Wochen später sind derselbe Richter und dasselbe Amt plötzlich genau gegenteiliger Meinung und entziehen der Familie H. teilweise das Sorgerecht. Das Einzige, was sich zwischen den beiden Terminen geändert hat, ist, dass dem Jugendamt aufgefallen ist, dass es in Addis Abeba keinen Internationalen Sozialdienst gibt, der sich notfalls um Dinah kümmern könne. Und im Laufe des Verfahrens hat sich Ines Laufer auch an die Vorgesetzte der Jugendamts-Mitarbeiter gewandt.

In einem knappen Dutzend Fälle haben Gerichte bereits die Ausreise von Kindern verboten, weil ihnen im Heimatland eine Genitalverstümmelung drohe. Dazu müsse, urteilt der Bundesgerichtshof im Jahr 2004, aber mit "ziemlicher Sicherheit" vorausgesagt werden können, dass einem Kind eine Gefährdung drohe. Wenn man Ines Laufer von der Task Force fragt, woher sie wisse, dass die Familie H. ihre Tochter beschneiden lassen wolle, sagt sie: "Die Aussagen der Eltern sind nicht überprüfbar. Und damit irrelevant."

Ob sie mit ihnen gesprochen habe? "Wenn jemand eine Straftat vorhat, kann man nicht davon ausgehen, dass er sie vorher ankündigt", sagt Laufer.

Sie selbst war noch nie in Äthiopien. "Man muss auch kein KZ von Innen gesehen haben, um zu begreifen, was da passiert ist. Das ist absolut irrelevant."

Sie sitzt hinter einem Schreibtisch in Hamburg, von dem aus sie auf die Welt schaut. Die Welt aus Sicht der Task Force ist nicht schwarz und weiß. Sie ist einfach nur schwarz. Es ist egal, was Yacob H. und seine Familie sagen. Ihre Geschichte, ihr Leben. Sie spielen keine Rolle. Ines Laufer plant schon die nächsten Ausreiseverbote, schreibt Rundmails an Gerichte.

Die Aktionen von Laufer seien "vollkommener Nonsens, der keinem Menschen hilft", sagt Fadumo Korn. Sie ist 45 Jahre alt, wurde in Somalia geboren, als Mädchen beschnitten und kam im Alter von 16 Jahren nach Deutschland. Sie hat ein Buch geschrieben über ihr Leben, mit einem Vorwort von Karlheinz Böhm, und viele Preise bekommen für ihren Kampf gegen die Beschneidung. Sie fährt nach Afrika und hält dort Vorträge vor Hunderten Männern. Ines Laufer sitzt in Hamburg vor dem Computer und schreibt an Korn: "Es ist meine Pflicht, von Ihnen zu fordern, dass Sie, wenn Sie sich an die deutsche Öffentlichkeit wenden, um über Genitalverstümmelung zu informieren, den richtigen Begriff verwenden." Es geht nicht um den gemeinsamen Kampf gegen ein Unrecht.

"Diese Frau möchte mich zwingen, dass ich mich als Verstümmelte bezeichne", sagt Korn. Sie verwendet aber weiter den Begriff Beschneidung. "Europäer wollen Frauen, die gebrochen sind", sagt Korn. Hilflose Opfer, denen dann geholfen werden kann. "Wie aber kann man den Afrikanerinnen verweigern, ihre eigenen Themen selbst so zu behandeln, wie sie sie behandeln wollen." Wenn sie von einer Familie in Deutschland hört, die vielleicht ihr Kind beschneiden will, dann fährt sie immer hin und macht sich persönlich ein Bild. Sie redet mit den Leuten und droht ihnen auch, wenn es denn sein muss.

Mittlerweile hat auch die Deutsche Welle, die ein Programm in Amharisch ausstrahlt, über den Fall berichtet, der dann von einigen Zeitungen in Äthiopien aufgegriffen wurde. "Jetzt bekomme ich Anrufe von dort, und die Leute fragen mich, was denn in Deutschland los sei", sagt Yacob H. Die Menschen in Äthiopien würden sich fragen, wie es sein könne, dass Deutschland keine Kinder mehr nach Äthiopien ausreisen lässt. Yacob H. versucht dann zu erklären, dass es sich um einen Einzelfall handele, der nun leider einmal ihn getroffen habe. "Ich muss den Äthiopiern erklären, wie Deutschland wirklich ist, und dann muss ich den Deutschen erklären, wie Äthiopien wirklich ist", sagte Yacob H. Er ist jetzt ein Vermittler, der im verschneiten Schopfheim sitzt.

Es ist eine Schlacht der Zahlen und Studien. Während Ines Laufer von der Task Force sagt, bis zu 90 Prozent der Frauen in Äthiopien würden beschnitten, verweisen Yacob H. und seine Unterstützer darauf, dass sich doch auch etwas verändert habe im Land. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit befürworteten im Jahr 2000 noch 52 Prozent aller äthiopischen Mütter die Beschneidung, 2005 seien es nur noch 38 Prozent gewesen.

Wahrscheinlich im Februar wird das Oberlandesgericht Karlsruhe darüber entscheiden, ob Dinah H. wieder ins Ausland fahren darf, ohne dafür eine Behörde fragen zu müssen. Sie wird in psychologische Behandlung kommen. Dinah frage sich oft, sagt die Mutter, warum sie als Mädchen hier in Deutschland benachteiligt werde. 

 

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Quelle: SÜDDEUTSCHE

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