Datum: 26.02.09 21:22
Kategorie: Deutschland-Politik

Von: Badischer Zeitung/Bernhard Hübner und Philipp Gessler

Wenn Schwarze Deuschte aus Deutschland abgeschoben werden: Der Fall Gerson Liebl*

 

Deutsche Sturheit

Am Ende wehrt sich Gerson Liebl, 46, nicht mehr. Er protestiert nicht, als ihn drei Polizisten in München zum Flugzeug führen. In seiner Tasche hat Liebl nicht mehr als 100 Euro. Eine Hilfsorganisation hat sie ihm gegeben. Um 22.05 Uhr landet die Maschine in Lome, Togo. "Die Abschiebung lief problemlos", werden die Behörden wenig später vermelden.

In Berlin wartet seine Frau Ginette, 43, auf Neuigkeiten. Ihre Stimme zittert beim Reden. Sie flüstert. In der Nacht nach der Abschiebung hat Gerson angerufen. Es war ein kurzes Gespräch. Er ist angekommen in Togo, das hat er gesagt, mehr nicht. Ginette Liebl weiß nicht weiter.

Ihr Mann hat 18 Jahre lang um sein Recht gekämpft. Er ist sich sicher: Er ist und bleibt Deutscher, die deutsche Staatsbürgerschaft steht ihm zu. Doch die Behörden glaubten ihm nicht. Sie verwiesen auf Gesetze aus der Kaiserzeit.

Liebl wurde in Togo geboren. Seine Haut ist dunkel. Liebl blieb stur, bis sie ihn abschoben. Gerson Liebl hat seinen Kampf verloren, nach fast zwei Jahrzehnten. Sein einziges Ziel war, ein Deutscher zu werden. Er wurde ein Flüchtling.

Geschichte beginnt in Aného, Togo. Vor 101 Jahren war das Land deutsches Schutzgebiet an der Küste Westafrikas. Der junge Straubinger Arzt Fritz Liebl arbeitet dort in einer Tropenklinik. Er ist Gersons Großvater. Der Rassismus der deutschen Kolonialherren ist dem Bayern fremd. Fritz Liebl verliebt sich im ersten Jahr seines Afrika-Aufenthalts in die Häuptlingstochter Kokoé Edith Ajavon. Die beiden heiraten.

Kokoes Vater, der Stammesfürst von Aného, nimmt die Trauung vor. Der Häuptling wirkt dabei als kaiserlicher Standesbeamter, so bescheinigen es die togolesischen Behörden später. 1910 bekommt das Paar einen Sohn, sie nennen ihn Johann. Ein Jahr später kehrt Fritz Liebl nach Deutschland zurück. Frau und Kind lässt er zurück. In Bayern heiratet er wieder und gründet eine neue Familie.

Gerson Liebl ist der Enkel von Fritz Liebl. 1992 zieht Liebl, ein gelernter Goldschmied, nach Deutschland, lässt sich in Pirmasens nieder und beantragt die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie wird ihm verwehrt. Solange Liebl keinen kaiserlichen Stempel auftreiben könne, sagen die Behörden, habe er kein Recht auf den deutschen Pass. Für die rheinland-pfälzischen Gerichte ist sein Vater Johann nur ein "nichtehelicher Abkömmling" von Fritz Liebl. Als solcher hat er nach dem kaiserlichen Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 keinen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Sein Großvater hätte "vor einem zur Eheschließung ermächtigten Beamten" des Deutschen Reiches heiraten müssen, meinen die deutschen Richter.

Ganz stimmen kann das nicht. Denn Gerson Liebls Bruder Rudolph geht in den 1990er Jahren mit den Bescheinigungen seiner Herkunft und der Trauung seines Großvaters in Lomé zur deutschen Botschaft. Das Bundesverwaltungsamt schickt Rudolph 1996 einen Staatsangehörigkeitsausweis. Der aber wird ihm bald abgenommen. Das ist wider das Recht, doch Rudolph versäumt die Widerspruchsfrist. Sein Bruder Gerson klagt sich derweil in Deutschland durch alle Instanzen, um endlich als Deutscher anerkannt zu werden. Er heiratet Ginette, eine Togolesin, sie bekommen ein Kind, Gergi. Er ist heute acht Jahre alt und geht in eine deutsche Schule. Gerson Liebl arbeitet als Gabelstaplerfahrer in Straubing, der Heimatstadt eines Großvaters – jedoch immer in einem wackligen Aufenthaltsstatus. Mit der Polizei hat Gerson Liebl nur selten zu tun. 1993 erhält er eine Geldstrafe, weil er ohne Führerschein Auto gefahren ist. 1996 wird ihm vorgeworfen, er habe drei Tuben Zahnpasta gestohlen. Viel Geld zum Leben bleibt den Liebls nicht. Kindergeld oder Hartz IV werden ihnen fast nie bewilligt.

Liebl lässt sich nicht entmutigen. Er sammelt Dokumente, zieht von Gericht zu Gericht. Manchmal erscheint er auch ohne einen Anwalt zur Verhandlung. Seine Argumente seien so eindeutig, dass er schon Recht bekommen müsse, ist er überzeugt. Die Richter klammern sich lieber an Gesetze aus dem Kaiserreich. Dagegen hatte Liebl keine Chance. Der Deutsch-Togolese wirkt bei seinen Auftritten stets freundlich. Er argumentierte präzise und konzentriert. Er würde einen guten Juristen abgeben. Seine Deutschkenntnisse sind ordentlich – schwierige juristische Bandwurmwörter kommen ihm selbstverständlich über die Lippen.

Er fährt nach Berlin, um politisch Druck zu machen. Sein Sohn, den er von der Schule genommen hat, und seine Frau wohnen mit ihm bei einem Freund in Neukölln.

Gerson Liebl schreibt seitenlange Briefe an Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Unter dem Aktenzeichen 8-PKTAb.3GL-6.02/2008 schildert er in etwas fehlerhaftem Deutsch sein Schicksal, bittet um Hilfe. "Denn man misshandelt uns vorsätzlich und diskriminiert als wir Verbrecher oder Sklaven sind, aufgrund, dass wir um unsere Anerkennung auf das Abstammungsrecht kämpfen, mit der Bitte um Kenntnisnahme." Gerson Liebl verweist darauf, dass seine Familie und er in Togo "bedroht sind". Er selbst sei dort mehrmals inhaftiert worden.

Er will nicht in ein Asylverfahren, er will Deutscher werden. Dabei geht es Gerson Liebl nicht nur um sich. Er fordert in seinem Brief an den Außenminister die "Aufhebung der rassistischen Ehe-Gesetzgebung des deutschen Kaiserreichs in der Schutzgebietszeit". In den früheren deutschen Kolonien Afrikas gebe es "nur etwa eintausend Personen", Nachkommen von Deutschen, für die eine Regelung gesucht werden müsste, argumentiert er. "Aus diese Gründen wird es höflich gebeten, diese Tatsache durch sämtliche Institutionen bearbeiten zu lassen, denn wir leben in der Höhle wegen diese politischen Hintergründen", schreibt er und verwechselt Hölle mit Höhle.

Im Dezember betritt Gerson Liebl ein Jobcenter im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Er will Hartz IV beantragen. Als die Mitarbeiter seinen Namen in den Computer eingeben, stoßen sie auf ein Gesuch der Ausländerbehörde seiner Heimatstadt Straubing. Noch im Jobcenter wird er festgenommen und kommt für Wochen in Abschiebehaft. Seine Frau beginnt einen Hungerstreik und beendet ihn erst nach langem Zureden. Gegen so viel Sturheit ist sie machtlos. Es ist nicht nur die Sturheit der bayerischen Behörden.

Dort will man den Liebls entgegenkommen. Es gibt im Aufenthaltsgesetz eine Altfallregelung. Die Liebls müssten nur einen kurzen Antrag stellen, dann würde ihre Aufenthaltserlaubnis verlängert. Der Straubinger Oberbürgermeister Markus Pannermayr schreibt einen Brief an Gerson Liebl. Er appelliere "an Ihre Einsicht und an Ihr Verantwortungsbewusstsein als Eltern", heißt es darin. Er schickt den Liebls drei fertige Anträge auf Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis. Nur Datum und Unterschriften müssten sie noch eintragen. Doch Gerson Liebl weder Almosen noch freundlich gemeinte Angebote. Er will Deutscher sein.

Mehr könne er nicht machen, schreibt der Bürgermeister. "Diese Entscheidung wurde mehrfach gerichtlich in verschiedenen Instanzen bis hin zum Bundesverfassungsgericht überprüft und abschließend bestätigt." Liebl unterschreibt nicht. Er langweilt sich in der Abschiebehaft. Als sie ihm etwas zum Lesen bringen wollen, lehnt er ab.

Es gibt eine Anhörung bei einem Richter. Der hat großes Verständnis für Gerson Liebls Fall. Für wenige Tage sieht es aus, als würde der Alptraum schnell ein Ende finden und Liebl dürfte bald nach Hause. Doch auf eine Entscheidung wartet er bis zuletzt vergebens. Vor einer Woche besteigt er in München das Flugzeug nach Togo.

"Liebl wollte sich sein Recht erkämpfen. Ich mache ihm das nicht zum Vorwurf", sagt Evrim Baba, eine Abgeordnete der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. Gerson Liebl war auf seiner Suche nach politischer Unterstützung auch in ihr Büro gekommen. Für Baba ist Liebl nicht an seiner eigenen Sturheit gescheitert, sondern am Festhalten der deutschen Behörden an überholten, rassistischen Gesetzen. Dort habe man auch einen Präzedenzfall verhindern wollen. "Die Behörden hatten Angst, dass dann die Menschen aus Afrika in Scharen kommen und sich auf ihre deutschen Großeltern berufen."

Doch für Ginette Liebl und ihren Sohn Gergi geht es um ganz andere Probleme. Auch ihnen droht jetzt die Abschiebung nach Togo. Ginette hat keinen togolesischen Pass. Gergi war sein ganzes Leben lang in Deutschland. Ihm gefällt es an seiner Berliner Schule. Die beiden wollen Gerson wieder in ihrer Nähe haben. Sie würden aber auch gerne in Deutschland bleiben.

Es gibt noch eine kleine Chance, beides zu erreichen: Ginette Liebl müsste den Antrag des Straubinger Oberbürgermeisters unterschreiben, gegen den sich ihr Mann so gewehrt hat, und hoffen, dass Gerson später im Zuge einer Familienzusammenführung nach Deutschland zurückkehren darf. Aber sie zögert. "Ich habe zurzeit keine Ahnung, was ich tun soll", flüstert sie. 

 

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Quelle: Badische Zeitung

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* Dieser Titel ist von der Afrikanet.info Redaktion

 







Kommentare
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manafred kremser aus Innsbruck

Samstag, 28-02-09 11:33

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Das ist nicht Sturheit, das ist praktizierter Rassismus der deutschen Behörden.
Würde auf alle Fälle ein Unterschriftenaktion starten, wenn nicht schon passiert! Der Fall muß einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

 
 
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