Datum: 18.08.09 17:11
Kategorie: Deutschland-Gesellschaft

Von: Junge Welt/Deniz Utlu

Zum 13. Todestag der afrodeutschen Autorin und Aktivistin May Ayim

Ein deutscher Blues

Alte, noch offene Wunden: Zum 13. Todestag der afrodeutschen Autorin und Aktivistin May Ayim, nach der eine Berliner Uferstraße benannt wird

Vor 14 Jahren veröffentlichte May Ayim, eine junge Frau aus Hamburg, ihren ersten Lyrikband »blues in schwarz weiss«. Zwei Jahre später erschien postum der Band »nacht gesang« mit Gedichten aus ihrem Nachlaß. Ayim schrieb auch Essays und war politische Aktivistin.

Geboren am 3. Mai 1960 in Hamburg, hatte sie im Heim laufen gelernt, war bei Pflegeeltern in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Sie schrieb mit »schmerzendem deutsch / auf den lippen« über eine Kindheit in den 60er und 70er Jahren in Westdeutschland. Eine Kindheit, gezeichnet von Fremdheit, Unverständnis und Einsamkeit. Jeder Fehler, jedes Vergessen des Turnbeutels nach dem Sportunterricht, jede Trägheit bei den Hausaufgaben wurde mit Schlägen vergolten. Bald verließ Ayim ihre Pflegefamilie. Für immer.

Die ghanaisch-deutsche Autorin schrieb sich mit ihren Versen – ihrem Blues – in die Seelen vieler schwarzer Deutscher und anderer »People of Color«. Liebe hieß für sie »geben / ohne zu verlangen / nehmen / ohne zu besitzen / teilen / ohne warum / stark werden / für / die freiheit«.

In ihrem Gedicht »gegen leberwurstgrau – für eine bunte republik« beschreibt sie die Lächerlichkeit einer »Integrationsdebatte«, in der die Meinung der Betroffenen nicht zählt oder eben nur »bei besonderen anlässen / oder bei besonderen ereignissen / ganz bestimmt aber / kurz vor den nächsten wahlen«.

Bürger zu sein, heißt eben noch lange nicht, Bürgerrechte zu haben. Ayim rief zur Selbstermächtigung auf, akzeptierte keine Opferrolle: »Die ›lieben ausländischen mitbürgerInnen‹ / obwohl oder weil / noch immer ohne bürgerrechte / schmücken sich für ihre eigenen feste / und auch die schwarzen- / oder sonstwie bindestrich-deutschen / kommen nicht mehr weil sie eingeladen werden / sondern nur noch / wenn sie selber wollen / sie werden langsam frech / so ’n pech / ein glück!«

1985 war sie Mitbegründerin der Initiative Schwarze Deutsche (ISD). Ein Verein, der die Interessen von Afrodeutschen vertritt, auch indem er Geschichte aufarbeitet, die gerne totgeschwiegen wird; die Verfolgung von Schwarzen in Nazideutschland oder die deutsche Kolonialgeschichte, zu der die Berliner Konferenz 1884/85 gehört: Bismarck lud mit einem Lineal in der Hand und den Umrissen des afrikanischen Kontinents auf dem Tisch die Staatsoberhäupter Europas ein, den Kontinent zu zerstückeln. Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Ruanda und Burundi wurden deutsche Kolonien.

In ihrer Diplomarbeit verfolgte die angehende Erziehungswissenschaftlerin Ayim die Geschichte schwarzer Deutscher bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sie erinnerte etwa an den Ghanaer A. W. Amo, der 1703 an der Universität Halle studierte und als Anhänger von Descartes und John Locke einer der bedeutendsten Vertreter der Wolffschen Philosophie wurde. Amos Werk »Das Recht der Mohren« wurde 1729 unter lateinischem Titel veröffentlicht und verschwand später auf unerklärliche Art und Weise.

Ayim erforschte in ihrer Arbeit auch die Gegenwart schwarzer Deutscher. Ihr Professor lehnte die Arbeit mit der Begründung ab, es gäbe in Deutschland keinen Rassismus.

Ist Sprechen nur möglich, wenn es Zuhörer gibt? Der Professor wollte nicht zuhören. Doch May Ayim sprach unbeeindruckt weiter: »ich trage meinen traum / hinter / erhobener faust / in pfefferfarben / und fange ganz klein an / fange endlich an / mit meiner schwester / und meiner freundin an der hand mit / meinen brüdern und / wenn es sein soll / auch allein / – damit es endlich anders werden / muß!«

Die Arbeit wurde 1986 zu großen Teilen in dem Buch »Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte« veröffentlicht und gilt heute als Standardwerk zur afrodeutschen Geschichte und Pionierarbeit der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland.

Im März 1984 war Ayim auf einem »gemeinsamen Kongreß ausländischer und deutscher Frauen« in Frankfurt/Main wieder einmal gefragt worden, ob sie sich eher deutsch oder afrikanisch fühle, einen deutschen oder afrikanischen Freund habe. In einem Brief an die Veranstalterinnen äußerte sie den Wunsch, nur nach dem beurteilt zu werden, was sie als Frau zum Ausdruck bringe, nicht aufgrund ihrer Hautfarbe oder Nationalität. Auf dem Kongreß habe sie zum ersten Mal erfahren, daß sie mit diesem Wunsch nicht alleine sei.

1994 begegnete ihr die französischsprachige Schriftstellerin Maryse Condé im Institut Français in Berlin. Condé: Die »junge Frau, die die Aufgabe hatte, mich dem Publikum vorzustellen, [erweckte] meine Aufmerksamkeit. Warum? Ihre Jugend. Und ihre Stimme. Eine Stimme mit dem Klang und den Spuren sehr alter, noch offener Wunden. Auch ihre Erscheinung. Leise schmerzend, wie die Stimme.«

Nach dem Studium in Regensburg und Reisen nach Kenia, Ghana und Israel ließ Ayim sich in Berlin nieder, schloß eine Ausbildung zur Logopädin ab und leitete Seminare an der Freien Universität. Erkrankt an Multipler Sklerose, sprang sie, nach körperlichen und psychischen Krisen, am 9. August 1996 aus dem 13. Stockwerk eines Berliner Gebäudes in den Tod – heute vor 13 Jahren.

In Berlin soll eine Uferstraße nach ihr benannt werden. Noch heißt die Straße nach Otto Friedrich von der Gröben (1656–1728), einem Pionier des deutschen Kolonialismus. Von der Gröben ließ die Festung Großfriedrichsburg an der Küste des heutigen Ghana erbauen. Ab 1680 war das drei Jahrzehnte lang ein wichtiger Umschlagplatz für den transatlantischen Sklavenhandel. Das Bezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg beschloß am 27. Mai die Namensänderung in May-Ayim-Ufer. Ende des Jahres sollen die Schilder ausgetauscht sein. Mit der Umbenennung ist in Deutschland ein Wechsel der Gedenkrichtung verwirklicht. Nicht der Aggressor wird geehrt, sondern eine Poetin des Widerstandes.

 

Quelle: Jungewelt







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