Datum: 25.10.09 21:27
Kategorie: Deutschland-Gesellschaft

Von: Tageschau.de/Patrick Gensing

Interview: Noah Sow kritisiert Günter Wallraff

Autorin Noah Sow

Der Wallraff-Film ''Schwarz auf Weiß'' wird heute uraufgeführt und sorgt bereits bundesweit für Aufsehen - aber auch Kritik. Die schwarze Autorin Noah Sow wirft Wallraff vor, er äffe Minderheiten nach. Im Interview mit tagesschau.de betont sie, das Wissen über Alltagsrassismus sei längst präsent, die Weißen müssten nur aufhören, dieses zu ignorieren.

tagesschau.de: Überraschen Sie die Erfahrungen, die Günther Wallraff als Schwarzer beschreibt?

Noah Sow: Überraschen? Nein. Woher? Ich bin ja schon länger schwarz als Wallraff. Und das Gott sei Dank auch noch wenn Karneval vorbei ist.

tagesschau.de: Muss erst ein Weißer daherkommen, damit die Öffentlichkeit wirklich glaubt, dass es weit verbreitet Rassismus gibt?

Sow: Für Weiße, die die zahlreichen schwarzen Stimmen zu dem Thema seit langer Zeit ignorieren, offensichtlich schon. Ich finde das eine der problematischen Sachen an der ganzen Geschichte. Wallraff schreibt selbst: ''Vor Jahren hatte ich einen ersten Anlauf gemacht, das Vorhaben aber wieder abgebrochen. Nicht weil diese Rolle anmaßend wäre gegenüber schwarzen Migranten oder schwarzen Deutschen. Jede meiner Rollen ist auf eine bestimmte Art anmaßend, aber ohne diesen Schritt auf fremdes Terrain würde ich viel weniger über die Lebenswirklichkeit der Menschen erfahren, in deren Haut ich schlüpfe.'' Er stellt seine Neugier also über die Forschungsergebnisse, Gefühle, Wissensproduktionen und Repräsentationsrechte Schwarzer. Damit bedient er sich weißer Privilegien: Er äfft unterdrückte Minderheiten nach und erntet damit Geld, Aufmerksamkeit und sogar Respekt.

tagesschau.de: Aber macht er nicht auch auf ein wichtiges Problem aufmerksam? Es ist nicht seine Schuld, dass die Öffentlichkeit sonst wenig davon hören will.

Sow: Er macht darauf aufmerksam, indem er sich äußerst fragwürdiger Mittel bedient. Er kann als angemalter Weißer schwarze Erfahrungen nicht machen und auch nicht in einen Zusammenhang stellen, auch wenn er das glaubt oder versucht. Wallraff macht hier vor allem auf sich selbst aufmerksam. Die Idee ist ja schon alt, wurde schon in den 1950er Jahren von John Howard Griffin gemacht - mit gemischten Reaktionen. Die Kernfrage - auch was Wallraffs Aktion angeht - ist dabei nach wie vor: Heiligt der Zweck die Mittel? Sauber hätte ich gefunden, wenn er sich in schwarzer Co-Autorenschaft in einen Lernprozess begeben hätte, anstatt angesprüht zu behaupten, er habe etwas ''herausgefunden''.

tagesschau.de: Wallraff beschreibt offenen Rassismus, beispielsweise bei der Wohnungssuche oder in der Eckkneipe. Sind solche Diskriminierungen aus Ihrer Sicht alltäglich?

Sow: Natürlich, was für eine Frage. People of Color in Deutschland wissen das alles schon seit Jahrhunderten. In der Bücherei, bei Jahresberichten von Antidiskriminierungsbüros, erreichbar mit einem Klick im Internet: Überall ist Wissen über Alltagsrassismus präsent. Weiße müssen nur aufhören, dieses Wissen zu ignorieren oder anzuzweifeln oder - wie in dieser Frage - zu relativieren.

tagesschau.de: Welche Unterschiede gibt es bei den Vorurteilen weißer Deutscher gegenüber schwarzen Männern und schwarzen Frauen? Welche Stereotypen gibt es da?

Sow: Das gehört eigentlich zum Allgemeinwissen. Wenn es Sie interessiert, lesen Sie doch mal ein gutes Buch über das Thema. Da gibt es wirklich viele. Es ist nicht okay und auch nicht ''normal'', bei einem so wichtigen Thema, das überall präsent ist und uns alle angeht, einen so großen blinden Fleck zu haben. Ansonsten möchte ich diesen ethnologischen Blick gerne umkehren: Rassismus ist keine schwarze, sondern eine weiße Tradition. Fragen Sie daher doch ruhig mal: ''Welche Unterschiede gibt es bei Dominanzpräsentationen weißer Männer und weißer Frauen? Welche Verhaltensmuster gibt es da?''

tagesschau.de: Gibt es denn regionale Unterschiede in der Ausprägung offener Diskriminierungen?

Sow: Nein. Rassismus ist ein System, in dem Weiße davon profitieren, dass sie bestimmte Privilegien haben. Es ist egal, wo diese Weißen wohnen.

tagesschau.de: Zur WM 2006 war von No-Go-Areas die Rede. Gibt es Gegenden, wo schwarze Menschen besonders gefährdet sind?

Sow: Schwarze Menschen sind überall dort besonders gefährdet, wo weiße Menschen Macht und Kontrolle haben und ein rassistischer Konsens besteht, beispielsweise in Polizeigewahrsam, wo es regelmäßig zu Misshandlungen kommt. ''Gefährdung'' ist ja nicht auf Körperlichkeit beschränkt. Rassismus ist als solches eine Gefährdung: des öffentlichen Friedens und des Friedens und freien Lebens aller Menschen, die nicht weiß sind. Gefährdet bin ich dann, wenn mich rassistische Willkür treffen kann. Ob bei Jobsuche, an der Bushaltestelle, an der Uni oder durch kolonialrassistische Witze im TV. Gefährlich ist es in Deutschland daher potenziell überall, weil die auf dem Papier gut aussehenden Bürgerrechte auf Schwarze nur eingeschränkt Anwendung finden.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

Quelle: tagesschau.de







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