Datum: 09.11.09 10:24
Kategorie: Österreich-Gesellschaft

Von: Integration im Fokus/VALENTIN SCHWARZ

"Vielleicht heißt der nächste Schwarzenegger ja Babajide"

Ossiri Gnaore (c) Integration im Fokus

Richard Ossiri Gnaoré ist wahrscheinlich der erste Weinviertler, der in Côte d’Ivoire geboren wurde. Heute führt er mit „Ossiri’s Lernakademie“ ein erfolgreiches Sprachinstitut in Wien. Was er gegen muttersprachlichen Unterricht einzuwenden hat und wie er mit Negerwitzen umgeht, lesen Sie hier.


Integration im Fokus: Welche Sprachen sprechen Sie, was ist Ihre Muttersprache?
Gnaoré: Meine Muttersprache heißt Bété. In der Schule habe ich Französisch, Englisch und Deutsch gelernt, später slawische Sprachen wie Serbisch und Kroatisch und ein wenig Ungarisch, das mir am schwersten gefallen ist. Und zur Zeit versuche ich, Chinesisch zu lernen.

Integration im Fokus: Wie viele Mitarbeiter/innen haben Sie und woher kommen sie?
Gnaoré: Wir haben sechs fixe Mitarbeiter/innen in der Verwaltung und eine schwankende Zahl von Lehrerinnen und Lehrern. Im Moment sind das gerade 18.

Integration im Fokus: Sie haben in Côte d’Ivoire Germanistik studiert. Warum gerade dieses Fach?
Gnaoré: Der Staat hat damals – je nach „Eignung“ – nur wenige Studienmöglichkeiten vorgegeben. Ich hatte die Wahl zwischen Französisch, Englisch und Deutsch und habe mich für die „exotischste“ Sprache entschieden. Später habe ich vom Österreichischen Austauschdienst ein Stipendium für einen einmonatigen Deutschkurs in Wien bekommen, so habe ich das Land kennen gelernt.

Integration im Fokus: Deutsch gilt als eine schwierig zu erlernende Sprache. Wie sehen Sie das?
Gnaoré: Meine Muttersprache Bété hat interessanterweise einige Ähnlichkeiten mit dem Deutschen, vor allem im Satzbau. Es ist mir also eher leicht gefallen.

Integration im Fokus: Wie kam es, dass Sie heute ein Sprachinstitut in Wien führen?
Gnaoré: Nach meinem Studium bin ich 1986 nach Wien gezogen und habe an der Diplomatischen Akademie studiert. Nach verschiedenen Jobs, etwa bei einer Bank, habe ich begonnen Nachhilfe zu geben und mein Institut gegründet.

Integration im Fokus: Afrikaner in Österreich sind häufiger Unternehmer als Einheimische. Woran liegt das Ihrer Meinung nach – daran, dass sie wegen Diskriminierung keine unselbstständige Arbeit finden?
Gnaoré: Diskriminierung gibt es, ja. Die Hautfarbe macht die Arbeitssuche sicher schwieriger, ist aber auch nicht der einzige entscheidende Faktor. Das weiß ich spätestens, seit ich selber Einstellungsgespräche führe (lacht). Aber klar ist: Die wenigsten kommen mit dem Plan nach Österreich, hier ein Unternehmen zu gründen.

Integration im Fokus: Haben Sie selber Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Gnaoré: Ja, zum Beispiel als ich eine Immobilie für das Institut gesucht habe. Ein Eigentümer hat zu mir gesagt: „Herr Gnaoré, Sie schauen ordentlich aus, aber meine Mutter will keine Afrikaner.“– Gut, akzeptiert. Soll ich mich auf den Karlsplatz stellen und allen erzählen, dass ich diskriminiert werde? Ich sage mir einfach: Nicht alle Österreicher sind so. Wenn man wirklich etwas erreichen will, kann einen so was nur stärker machen.

Integration im Fokus: Einmal sind Sie aus fragwürdigen Gründen aus dem Traineeprogramm einer Bank geflogen.
Gnaoré: Das stimmt, aber ich glaube, das war aus wirtschaftlichen Gründen. So ein Traineeplatz ist teuer, und die haben sich gedacht: „Was, wenn er danach wieder nach Afrika zurückgeht?“ Ich habe zwar immer gesagt, dass ich in Österreich bleiben undfür die Bank arbeiten will, aber es war ihnen wohl zu riskant. Trotzdem: Ich bin keiner, der zurückschaut. Ich bin froh, dass ich heute die Lernakademie habe. Jetzt sehe ich es vielmehr als Teil meiner Aufgabe, dazu beizutragen, dass es auch andere schaffen können. Vielleicht heißt der nächste Schwarzenegger ja Babajide!

Integration im Fokus: Was denken Sie sich, wenn ein österreichischer Landeshauptmann Negerwitze erzählt?
Gnaoré: Natürlich tut es weh, wenn ein Politiker so etwas macht und es keine Konsequenzen hat. Aber andererseits bin ich auch dagegen, diese Dinge hochzuspielen. Damit macht man solche Leute wichtiger, als sie sind. Ich halte mich an die Gesetze, habe ein Unternehmen, schaffe Arbeitsplätze – dafür ist es irrelevant, was irgendwer für Aussagen macht.

Integration im Fokus: Und im Alltag? Wie reagieren Sie, wenn Sie in der Straßenbahn angestarrt werden?
Gnaoré: Dann denke ich mir: Vielleicht findet er mein Gesicht ja interessant? Und manchmal starre ich einfach zurück. Ich könnte auch jammern, aber das bringt mich auch nicht weiter.

Integration im Fokus: Themenwechsel: Was halten Sie von muttersprachlichem Unterricht für Schüler/innen mit Migrationshintergrund?
Gnaoré: Das ist eine schwierige Frage, die ich mir oft stelle. Es wäre schön, wenn die Diskussion darüber emotionsloser geführt würde. Prinzipiell glaube ich, dass man in der eigenen Muttersprache gefestigt sein muss, um eine Fremdsprache zu erlernen. Das heißt aber nicht, dass es deshalb muttersprachlichen Unterricht an öffentlichen Schulen geben muss. Denn man wird so etwas nie für alle anbieten können. Für Türkisch oder Serbisch ist das vielleicht finanzierbar – für meine Kinder aber nicht. Wir sind eine zu kleine Gruppe. Und als Steuerzahler frage ich mich dann, wieso ich das mitbezahlen soll. Es spricht ja nichts dagegen, dass die Eltern mit ihrem Kind die Muttersprache sprechen und es vielleicht Kurse besucht. Wenn ich meine Kultur an meine Kinder weitergeben will, muss ich das auch selber tun. Es ist aber keine Frage, dass jede Gruppe ihre eigenen Vereine und Klubs haben soll. Ich begrüße ausdrücklich Initiativen wie die polnischen oder chinesischen Schulen in Wien, wo Kinder aus diesen Ländern Gelegenheit bekommen, ihre muttersprachliche und kulturelle Identität zu festigen. Das sehe ich als kulturelle Bereicherung für ganz Österreich.

Integration im Fokus: Wie soll man dann Schülern helfen, dieim Deutschunterricht Probleme haben?
Gnaoré: Mit zusätzlichem Unterricht. Ich glaube aber nicht,dass die Begleitlehrer die Muttersprache der Kinder verstehen müssen. So angenehm das sein kann, fürchte ich, dass es eine mentale und kulturelle Ghettobildung verstärkt.

Integration im Fokus: Wie gut muss jemand überhaupt Deutsch können?
Gnaoré: Das hängt ganz vom Job ab. Jeder soll sich verständigen können, aber am wichtigsten ist, dass die berufliche Leistung passt. Ob jemand „die Frau“ oder „das Frau“ sagt – solange die Botschaft ankommt, sehe ich das entspannt.

Integration im Fokus: Was raten Sie anderen Afrikaner/innen, die in Österreich Karriere machen wollen?
Gnaoré: Seid Stehauf-Menschen! Wenn es Hindernisse gibt – nicht aufgeben! Das ist das Wichtigste.

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BILD und TEXTQUELLE: Integration im Fokus

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