Datum: 08.06.10 13:50
Kategorie: Österreich-Gesellschaft

Von: OÖN/ Herbert Schorn/Afrikanet

Oberösterreich: „Ich bin eine afrikanische Mühlviertlerin“

Mosopeh Beverley Allen-Stingeder (c)OÖN

LINZ/PUCHENAU. Beverley Allen-Stingeder ist seit Herbst Berufsschullehrerin. Und: Sie ist Schwarz. Eine Kombination, die es in Oberösterreich nur einmal gibt. Wie reagieren die Schüler auf die Puchenauerin? Und wie lebt man im Mühlviertel mit schwarzer Hautfarbe?

Oberösterreichische Nachrichten (OÖN): Frau Allen-Stingeder, sind Sie Afrikanerin oder Mühlviertlerin?

Allen-Stingeder: (lacht) Ich bin eine afrikanische Mühlviertlerin.

OÖN: Geht denn das?

Allen-Stingeder: Für mich schon. Ich bin sicher die einzige Mühlviertlerin mit afrikanischen Wurzeln.

OÖN: Was ist das Mühlviertlerische an Ihnen?

Allen-Stingeder: Die Sprache. Leute, die mich nur vom Telefon kennen, sind immer überrascht, wenn sie mich sehen.

OÖN: Was ist das Afrikanische an Ihnen?

Allen-Stingeder: Die Hautfarbe, eh klar. Auch die optimistische Grundeinstellung, die hab ich mir bewahrt. Ich habe das Glück, dass ich zwei Seiten kenne. Ich kenne die Armut eines Dritte-Welt-Landes und weiß, dass man trotzdem gut leben kann. Und ich kenne den Überfluss.

OÖN: Wieso sprechen Sie Mühlviertlerisch?

Allen-Stingeder: Das kommt von meinem Stiefvater, der hat mir innerhalb von acht Wochen Deutsch beigebracht. Ich rede gerne mit den Menschen.

OÖN: Sie sind mit zehn Jahren nach Österreich gekommen, haben Haupt- und Handelsschule absolviert, dann eine Lehrstelle gesucht. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Allen-Stingeder: Es war damals nicht möglich, im Raum Linz einen Job zu finden. Manche sagten: „Ihre Hautfarbe kann man den Kollegen nicht zumuten.“ Ein Optiker sagte: „Die Kunden schrecken sich ja, wenn sie Sie sehen!“ Ich habe dann eine Lehre zum Hotel- und Gastgewerbe-Assistenten in Tirol gemacht. Da waren die Leute offener. Als ich zurückgekommen bin und wieder Arbeit gesucht habe, war es nicht leichter. Zum Schluss habe ich bei den Bewerbungen am Telefon gesagt: „Ich bin dunkelhäutig, darf ich kommen?“

OÖN: Wie überwanden Sie solche Verletzungen?

Allen-Stingeder: Meine Mutter hat immer gesagt: „Du musst dreimal so gut sein wie ein Österreicher.“ Das hat gestimmt.

OÖN: Nach Ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften unterrichten Sie seit September in der Linzer Berufsschule 7. Wie klappt’s?

Allen-Stingeder: Super. Die Kollegen und Direktor Mitterlehner haben mir die Situation sehr realistisch dargestellt. Unsere Schüler sind Jugendliche aus allen Gesellschaftsschichten, die mitten in der Pubertät stecken.

OÖN: Wie haben die Schüler reagiert?

Allen-Stingeder: Sehr positiv. Wenn ich in eine Klasse gekommen bin, hab ich gleich erzählt, wo ich herkomme, und von meiner Schul- und Lehrzeit berichtet. Ich habe auch viele Schüler mit Migrationshintergrund. Ich hab ihnen gesagt: „Egal ob Österreicher oder Migrant – lernts was, das kann euch keiner nehmen.“ Ich freu mich, da zu unterrichten. Aber ich bin streng.

OÖN: Es gab keine negativen Reaktionen?

Allen-Stingeder: Bis jetzt nicht. Vielleicht kommt’s noch. Eine Schülerin hat gesagt: „Ich bin froh, dass ich so eine Lehrerin habe.“

OÖN: Wie lebt man als Dunkelhäutige im Mühlviertel?

Allen-Stingeder: Gut. Mir gefällt’s.

OÖN: Werden Sie nicht diskriminiert?

Allen-Stingeder: Wenn ich jemanden dreimal grüße und er grüßt nicht zurück – ich weiß nicht, ob das Diskriminierung ist oder nur Unhöflichkeit. Wenn mich wer beschimpft, was selten passiert, nehme ich das nicht mehr wahr. Ich muss mich nicht damit beschäftigen.

OÖN: Nagt das nicht am Selbstwert?

Allen-Stingeder: Am Anfang, mit zehn, elf Jahren, schon. Ich hab mir gedacht: „Ich hab den Leuten ja nix getan.“ Irgendwann hört man das nicht mehr. Ich weiß, wer ich bin, das ist mir wichtig. Ich habe meine Wurzeln, meine Familie, darauf kann ich auf jeden Fall zurückgreifen.

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Erschienen am 30. September 2009

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Quelle: Oberösterreichische Nachrichten

 







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