Datum: 19.02.11 19:53
Kategorie: Österreich-Gesellschaft

Von: Agathe Gansterer

Wien: Die römisch-katholisch englischsprachige Gemeinde

Joseph Monday Orji kommt aus Nigeria. Er lebt seit 2005 in Österreich. Der 41-jährige Priester studiert in Wien Fachtheologie und leitet gemeinsam mit John Njenga Nganga aus Kenia die englischsprachige afrikanische Gemeinde. Wir treffen Joseph Orji im Gemeindezentrum der Pfarre ”Zum Göttlichen Erlöser“ in Wien-Brigittenau, wo er Kaplan ist. Das Zentrum der englischsprachigen Afrikaner ist die Pfarre ”Auferstehung Christi“ in Wien 5.

”Die englischsprachige afrikanische Gemeinde ist sehr groß“, erzählt Joseph Orji im Gespräch mit dem ”Sonntag“. Ungefähr 600 sind gemeldet, viele kommen, ohne sich offiziell anzumelden. ”Die Menschen kommen aus ca. 53 Ländern Afrikas. Die meisten aus Nigeria“, so der Seelsorger. Auch Österreicher/innen gibt es, z. B. wenn diese mit einem Afrikaner oder einer Afrikanerin verheiratet sind.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Afrikanern, egal aus welchem afrikanischen Land sie stammen, sei sehr stark, betont Orji: ”Wenn sich Afrikaner kennen lernen, fragen sie nicht zuerst ,Wie heißen Sie?‘ oder ,Woher kommen Sie?‘. Man fragt zuerst ,Bruder oder Schwester, wie geht es dir? Kann ich etwas für dich tun?‘ Erst danach stellt man sich vor.“

Die brüderlichen und schwesterlichen Gefühle kommen in der Gemeindemesse am Sonntag zum Ausdruck. Der Friedensgruß dauert rund 20 Minuten. Joseph Orji: ”Die Leute erwarten sich, dass der Priester zu ihnen kommt und mit ihnen spricht. Er ist ein Teil der Gemeinde.“ 
Die Sonntagsmesse ist der Höhepunkt des Gemeindelebens. ”Die Leute wollen tanzen, um Gott zu danken. Dazu kommt der Chor“, erklärt Orji. Die Messe dauert ca. zweieinhalb Stunden. ”Der Priester muss geduldig bleiben. Würde die Messe nur eine Stunde dauern, würden die Leute sagen: ,Heute war ich nicht in der Kirche. Als ich zur Messe kam, war der Priester schon weg.‘ Aber das passiert nicht“, lächelt der Seelsorger.

Auch abseits des Sonntagsgottesdienstes ist die englischsprachige afrikanische Gemeinde aktiv. ”Es gibt zehn Gebetsgruppen, darunter Catholic Prayer Ministry, die Gruppe Catholic Charismatic Renewal und die Legion of Mary“, erzählt Joseph Monday  Orji. Dazu kommen die Aktivitäten des Chors der Gemeinde, ”St. Cäcilias Choir“, und die Frauengruppen ”St. Monica“ sowie ”Catholic Women Organisation“. Einmal im Monat gibt es eine Kindermesse. 


Zukunft ungewiss

”Manche Gemeindemitglieder arbeiten als Taxifahrer oder sind selbstständig und haben ein Geschäft“, weiß Orji. Die meisten dürfen aber nicht arbeiten. Sie sind Asylwerber. ”Viele warten jahrelang auf eine Antwort zu ihrem Asylantrag. Das ist Sache des Staates, nicht der Kirche. Aber die Zusammensetzung der Gemeinde ist stark von der Politik, nämlich vom Asylrecht, abhängig“, betont Orji. Die Ungewissheit der Zukunft sei für viele Afrikaner/innen in Wien eine große Belastung. 

Ob er schon einmal Rassismus erlebt hat?  ”Als Kaplan nicht. In der U-Bahn habe ich erlebt, dass sich niemand zu mir setzen wollte, aber das ist kein Problem für mich. Es ist mir passiert, dass mich jemand gefragt hat, ob ich ihm Drogen verkaufen könnte. Das hat mich sehr geärgert. Das empfinde ich als Rassismus“, sagt der Priester. 

Wir schauen noch bei der französischsprachigen afrikanischen Gemeinde in Wien vorbei. Sie kommt sonntags in der Krypta der Canisiuskirche in Wien 9 zusammen. ”Unsere Gemeinde besteht aus ca 70 bis 100 Mitgliedern. Die Menschen kommen aus dem Kongo, aus Camerun, der Elfenbeinküste, Burundi, Ruanda, Senegal, Togo usw.“, erzählt der Leiter der Gemeinde, Houeleuh Pierre Tiemoko, dem ”Sonntag“. Tiemoko stammt von der Elfenbeinküste und studiert wie Joseph Orji in Wien. In der Gemeinde gibt es viele Geschäftsleute und Mitarbeiter der UNO. ”Für uns ist der Sonntag sehr wichtig. Da schöpfen wir Kraft. Nach der Messe treffen wir uns zum Kaffee und verbringen viel Zeit miteinander – wir kommen ja von überall in Wien zusammen“, betont Tiemoko. 

Die brüderliche und schwesterliche Verbundenheit ist auch hier stark spürbar. Tiemoko: ”Wenn z. B. eine Frau aus der Gemeinde ein Kind bekommt, besuchen wir sie und verbringen viel Zeit mit der Familie. Auch wenn es einen Todesfall gibt, versuchen wir die Familie zu unterstützen.“ Die hl. Messe ist sehr lebendig gestaltet, wenn sie hier auch nicht so lange dauert wie bei ihren englischsprachigen afrikanischen Brüdern und Schwestern.    

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Diesen Bericht von Agathe Gansterer lesen Sie auf Seite II der aktuellen Ausgabe von "Der Sonntag" Nr. 15, vom 13. 4. 2008.







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