Datum: 30.11.14 14:54
Kategorie: Österreich-Gesellschaft

Von: Lisa Ndokwu

Going East – Going South Österreichisches Exil in Asien und Afrika.

CLIO

„Und dann plötzlich kam ein Brief aus Kenia, und wir haben den Atlas genommen, weil wir nicht gewusst haben, wo Kenia ist.“ Susanne Wolff, geboren 1920 in Wien, ist eine von etwa 1100 österreichischen Jüdinnen und Juden, die vor der Verfolgung der Nationalsozialisten in Afrika Exil fanden. Das Interview mit Susanne Wolf ist Teil des umfangreichen Bandes „Going East – Going South. Österreichisches Exil in Asien und Afrika“. Ausgangspunkt der Sammlung dieser Lebensgeschichten war eine Tagung des Vereins CLIO unter dem gleichnamigen Titel, die bereits vor zwei Jahren in Graz stattfand.

Der Verein CLIO zählt in der österreichischen Holocaust Forschung sicher zu den wichtigsten Stimmen.  Heimo Halbrainer und Margit Franz, die Herausgeber, haben „die Landkarte der Erinnerung“ neu gezeichnet. Damit folgten sie der Aufforderung der US-amerikanischen Historikerin Atina Grossmann, die von „remaping the landscape of persecution“ gesprochen hat.

Erstmals werden die Wege der Verfolgten aus einer neuen Perspektive betrachtet. Einzelschicksale wie die der Familie Zuckerkandl, die vor ihrer Einwanderung in die USA in Nordafrika Exil fand, haben die Aufmerksamkeit einiger weniger Historiker bereits auf den afrikanischen Kontinent gelenkt. Meist wurde das Exil in den Ländern des Südens durch Zufall, Glück oder Schicksal bestimmt.

Der burgenländische Arzt Richard Berczeller, vor den Nazis nach Frankreich geflohen, entkam mit seiner Familie nach Cote d´Ivoire, wo er bis zu seiner Erkrankung an Lungentuberkulose in einem Krankenhaus arbeitete. Viele Jüdinnen und Juden betrachteten ihren Aufenthalt in einem afrikanischen Land als temporär, das Ziel war über den Atlantik zu kommen.  Von Marseille über Marokko gelang es der Familie Berczeller schließlich, in die USA auszureisen.

Einige wenige sind in ihrer neuen Heimat geblieben, wie Norbert Abeles. Ein Foto zeigt ihn im Kreis seiner Familie. Seine dritte Frau kommt aus Malawi, wo Norbert Abeles vorläufig zum letzten Mal sesshaft geworden ist. Sein Weg führte ihn durch viele afrikanische Länder und seine Lebensgeschichte lässt sich mit atemloser Spannung verfolgen. Seine Heimat verortet er dort, wo er ist und zu unterschiedlichen Identitätswelten fällt ihm ein Zitat ein, eine Weisheit aus Afrika: „When elephants fight, it`s the grass that suffers.“ Lange denkt der Interviewer über dieses Sprichwort nach, 50 Jahre in Afrika verschieben so manche Perspektive und lassen neue Räume und Sichtweisen entstehen.

Mehr als 300 Jüdinnen und Juden fanden in Südafrika Zuflucht. Der Fotograf Fred Prager hatte eigentlich nicht vor, nach Österreich zurückzukehren. Er wanderte bereits 1936 nach Johannesburg aus und leitete bis zum Jahr 1965 das Fotostudio Prager. Fred Prager war Hitler entkommen, um dann in einem südafrikanischen Gefängnis zu landen. Er war überzeugt, dass „Freiheit nicht unteilbar“ war und engagierte sich seit den 1950iger Jahren politisch gegen die zunehmend restriktive Gesetzgebung, die die südafrikanische Welt in eine schwarze und weiße teilte. 1964, nach dem Bombenanschlag am Johannesburger Bahnhof, wurde Fred Prager verhaftet und der Sabotage beschuldigt. Mithilfe seines Bruders, Teddy Prager, der 1945 von London nach Wien zurück kehrte, gelangte Fred Prager 1965 schließlich wieder nach Österreich.

Mauritius ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Beau Bassin, wie das Gefängnis für die jüdischen Flüchtlinge genannt wurde, war eine Welt für sich. Das für viele als Exilland gewählte Palästina war in den 1940er Jahren britisches Protektorat und die Flüchtlingsschiffe, die nicht mehr aufgenommen wurden, wurden nach Mauritius deportiert.

Mit einer Liste der Aufnahmeländer und den vormaligen Bedingungen und politischen Konstellationen werden die Lesenden nicht nur neugierig gemacht, sie erkunden die eingangs erwähnte Landkarte der Erinnerung neu.

Susanne Wolffs erste Ehe in Kenia erwies sich als Katastrophe und dennoch hat sie ihr das Leben gerettet.

Gelungen ist eine erste unverzichtbare Sammlung der Emigration in die Kontinente Afrika und Asien, die eine neue Dimension des Wissens um jüdisches Exil und Emigration eröffnet.

 

Margit Franz/Heimo Halbrainer (Hg.): GOING EAST – GOING SOUTH. Österreichisches Exil in Asien und Afrika. CLIO: Graz 2014, ISBN: 978-3-902542-34-2 

www.clio-graz.net

Buchbestellung: verlag(at)clio-graz.net

 

 

 

  

 







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