Datum: 05.04.14 07:26
Kategorie: Österreich-Gesellschaft

Von: simon INOU

Warum kein Blackface

 

Seit einiger Zeit wird über das Phänomen Blackface im deutschsprachigen Theater diskutiert. Es gab einen heftigen Protest mehrerer Organisationen gegen Johan Simons’ Inszenierung des Stücks "Die N*" bei den Wiener Festwochen 2014. Die IG Autoren warnte jedoch vor "politischer Korrektheit" und kanzelte die Aktion als Hysterie ab. Einer der Gründe mag sein, dass Generationen von Österreichern mit Schulbüchern sozialisiert wurden, die das N*-Wort transportierten und die Realitäten der Schwarzen nur aus einer Opferperspektive verbreiteten. Seit dem Tod Marcus Omofumas hat Österreich mit selbstbewussten Schwarzen zu tun.

Mir geht es nicht um die Absetzung des Stücks, sondern um die Ablehnung einer respektlosen Inszenierung eines Stückes, dessen Inhalt durch die Besetzung ausgehöhlt und umgedreht wird.

Respektvoller Umgang mit dem Willen des Verstorbenen: Der Autor Jean Genet beharrte bis zu seinem Tod darauf, dass das Stück von einem Weißen für weißes Publikum geschrieben wurde. Nur Schwarze dürften Schwarze spielen. Er hoffte auf einen radikalen Umsturz, eine Umkehr des hegemonial weiß geführten Diskurses und Theaters.

Selbstdarstellung versus Fremddarstellung: Im deutschsprachigen Raum dürfen Schwarze nicht einmal in einem Stück spielen, das sie als Hauptakteure vorsieht. Ein Zeichen der hegemonialen Macht und der Wahrnehmung ihrer Stellung in der Gesellschaft. Ihre Rollen im deutschsprachigen Film und Theater sind immer jene der Unterworfenen, der Diener oder Opfer. Selten haben sie etwas mit starker schwarzer Selbstrepräsentation zu tun.

Inklusion und Repräsentation der Betroffenen: Blackface zeigt eine beschränkte Wahrnehmung der Fähigkeiten von Schwarzen im Theaterbereich. Die Frage ist, wenn man schon keine schwarzen Schauspieler findet, ob Zuschauern nicht auch ein weißer Othello zugemutet werden kann. Können weiße Zuseher nur dann dem Stück folgen, wenn ein weißer Schauspieler sich anmalt? Übrigens heißt das Stück "Die N*" in den USA "The Blacks". Zufall oder respektvoller Umgang mit der schwarzen Bevölkerung?

Respektvoller Umgang mit schwarzen Österreichern: Wenn Schwarze sich selbst repräsentieren, ist dies meist mit einem Kampf verbunden: um Selbstbenennungen und gegen Alltagsdiskriminierungen. Diese Stresssituationen werden von der IG Autoren als Hysterie abgetan. Man gibt sich nicht einmal ansatzweise Mühe, etwas zu verstehen. Respekt beginnt mit der Sprache.

Wo bleibt die gesellschaftliche Verantwortung der Wiener Festwochen, wenn Rassismus im öffentlichen Raum verbreitet wird? Wir brauchen eine mutige Institution, die sich nicht hinter dem Regisseur versteckt, sondern antidiskriminierende Zeichen in der Gesellschaft setzt. Auch im Namen der Kunst. Welche namhafte Kulturinstitution des Landes würde heute beispielsweise antisemitische Stereotype bewusst unreflektiert wiedergeben? Anscheinend ist die Geschichte kolonialer Verbrechen und Mord bei Menschen mit afrikanischen Wurzeln nicht so wichtig. Wirklich schade. Auch im Namen der Kunst.

 

Quelle: http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/616393_Warum-kein-Blackface.html 

 

 







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