Datum: 21.12.08 17:17
Kategorie: Österreich-Gesellschaft, Deutschland-Gesellschaft, Schweiz-Gesellschaft

Von: simon INOU

Das Buch "Königinnen Afrikas" ist eine Fälschung. Autorin rät vom Kauf ab.

Sylvia Serbin (c)BEWNET.EU

(c)afrikanet.info

 

Die Meldung schlug wie eine Bombe. Vor fünfzehn Monaten publizierte Afrikanet.info Informationen über die Verbreitung einer Fälschung des Buches „ Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire „ unter dem deutschen Titel „Königinnen Afrikas“. Diese Fälschung wurde von der „renommierten“ Peter Hammer Verlag veröffentlicht. Der Verlag ist im deutschsprachigen Raum bekannt für sein fast Monopol zur Veröffentlichung Werke afrikanischer AutorInnen. Mit „Königinnen Afrikas“ lernten wir ein anderes Gesicht der Geschichtsschreibung Afrikas kennen sowie die respektlose Behandlung von AutorInnen afrikanischer Herkunft mit rassistischen sowie kolonialistischen Methoden.

Ende September 2007 wurde Sylvia Serbin nach Wien eingeladen um beim ersten Kongress Schwarzer europäischer Frauen über u.a. das Schicksal ihres Buches zu reden. Hier erhielt sie Unterstützung von mehr als 100 Schwarzen Frauen aus 16 EU Ländern und USA. Diese Frauen kritisierten die "verzerrte Übersetzung" des Buches, sowie die Anwendung "rassistischer Terminis" in der gefälschten deutschen Ausgabe, von denen in der originalen Version nichts zu lesen war und nahmen wie folgt Stellung „Weiters wird in der deutschen Fassung "ein kolonial geprägtes Bild der Geschichte Schwarzer Menschen, insbesondere Schwarzer Frauen präsentiert". Die Kongressteilnehmerinnen unterstreichen, dass "die Authentizität und die Glaubwürdigkeit der Autorin Sylvia Serbin und die der schwarzen Geschichte negiert und in einer Art und Weise falsch wiedergegeben werden, die wir als Schwarze europäische Frauen und Organisationen nicht akzeptieren". Sie forderten, dass die deutsche Ausgabe sofort vom Markt genommen wird. Es geschah. 

Wir haben Frau Sylvia Serbin 15 Monaten später kontaktiert um mehr über das Schicksal Ihres Buches zu erfahren. Ein Interview von Simon INOU.

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Afrikanet.info: Mme Serbin, vor ungefähr fünfzehn Monaten haben wir thematisiert, dass der Peter Hammer Verlag eine gefälschte Übersetzung Ihres Buches Reines d’Afrique auf den Markt geworfen hat. Wie ist die Situation heute?

Sylvia Serbin: Unglücklicherweise nimmt das Verfahren in Frankreich noch seinen Lauf und ich darf mich nicht darüber äußern. Wissen Sie, als schwarzer Bürger in Europa ist es sehr schwierig, sich Gehör zu verschaffen, selbst wenn man Opfer eines Vorurteils ist, das, würde es sich gegen andere Europäer richten, als inakzeptabel beurteilt würde. Ich bin gezwungen, alle möglichen Rechtsmittel in Gang zu setzen, um nach dem Diebstahl an meinem Buch Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire, von dem in Deutschland eine Fälschung unter dem Titel Königinnen Afrikas erschienen ist, Gerechtigkeit zu verlangen. Ich werde es nicht versäumen, Sie über den Ausgang der Klage, die ich beabsichtigt habe, auf dem Laufenden zu halten, aber ich muss Ihnen sagen, dass es eine ziemlich mühsame Zerreißprobe ist. Es ist ein bisschen wie der Kampf des Tonkrugs gegen zwei Metallkrüge; offensichtlich sehr einflussreich, haben sich der französische Verlag Sépia und sein deutscher Partner Peter Hammer Verlag verbündet, um mich in die Schuldige zu verwandeln, weil ich es gewagt habe, mich gegen die missbräuchliche Veruntreuung meines Werkes zu wehren, indem ich mich auf das im Gesetz verankerte moralische Recht und das geistige Eigentum als Grundrechte berufe.

Führen Sie Ihren Kampf gegen den Verlag allein, oder gibt es Sympathisanten für Ihre Anliegen?

Es ist wahr, dass je mehr sich die Prozedur in die Länge zieht, man es umso mehr als einsamen Kampf empfindet. Ich habe viele Sympathiebezeugungen von Leuten bekommen, die sich schockiert über die Art gezeigt haben, wie der Peter Hammer Verlag meine Arbeit und meine Vorgangsweise verfälscht hat, indem er, unter meinem Namen, eine vorgebliche Übersetzung veröffentlichte, die nicht viel mit meinem ursprünglichen Werk zu tun hat. Dann haben die beiden Verlage versucht, mir einen Maulkorb anzulegen, indem sie mich verurteilen lassen wollten, weil ich diese Vergewaltigung meines geistigen Eigentums angeprangert habe und die Affäre von Internetseiten wiederaufgenommen wurde. Sie schützten vor, dass dies ihrem Ruf schade. Ich unterlag daher während der Prozedur der Schweigepflicht, und das kam ihnen entgegen, denn niemand sprach mehr von dieser Fälschung, die ziemlich interessante Praktiken in heutigen westlichen Demokratien ans Tageslicht gebracht haben.

Aber ich weiß, dass viele Leser den Fortgang der Affäre aufmerksam verfolgen. Wenn ich z. B. zu Kongressen in der ganzen Welt eingeladen bin, fragen mich die Leute oft, warum in Frankreich oder in Deutschland um diese skandalöse Affäre eine derartige Stille herrscht. Ich bin hellsichtig genug um zu wissen, dass, wenn man es gewagt hätte, ein als französisch oder deutsch angesehenes Werk auf diese Weise zu verunstalten, dieser Umstand spontan eine Mobilisierung der Intellektuellen hervorgerufen hätte, Reaktionen der Empörung, ganz zu schweigen von einer konsequenten Veröffentlichung in den Medien… Aber das ist eben, weil sie wissen, dass französische Intellektuelle mit migratonshinterrund, oder woanders in Europa hervorgegangen sind, wenig Chancen haben, beachtet zu werden oder Zugang zu Medien mit ausreichender Resonanz haben, die abschreckend wirken könnten, dass manche glauben, es wäre ihnen alles erlaubt. Daher war der Peter Hammer Verlag der Ansicht, dass es ihm, was mein Buch betrifft, gestattet sei, es von Grund auf zu verändern, um es „an das deutsche Publikum anzupassen“ (sic!)… Als ob ein wissenschaftliches Buch wie eine einfache Ware nach Lust und Laune veränderbar wäre, um den Vorurteilen eines bestimmten Publikums zu entsprechen. Hätte er für eine Übersetzung von Harry Potter auf dieselbe Weise gehandelt? Hätte er ganze Stücke davon gestrichen, um stattdessen wer weiß welchen Unsinn hinzuschreiben?

Das Schlimmste ist, wenn man sich bei Kongressen von Leuten anschnauzen lassen muss, die über das, was sie in der vom Peter Hammer Verlag fabrizierten Version gelesen haben, aus der Fassung gebracht wurden, ohne zu wissen, dass es sich um ein trügerisches Produkt handelt. Daher haben mich einige Personen empört gefragt, wie eine Historikerin im 21. Jahrhundert ein Werk voll derartig vereinfachender Klischees veröffentlichen kann. Die  Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire, die ich geschrieben habe und die mich Jahre der Recherche gekostet haben, ist das erste Werk, das Frauen thematisiert, die in eine wichtige Rolle sowohl in der Geschichte Afrikas gespielt haben, als auch in schwarzen Völkern in verschiedenen Regionen der Welt, während einer Periode von der Antike bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Überall wo er verbreitet wurde, wurde dieser Text aufgrund seines reichen Inhalts begrüßt als Belegdokument, das bisher unveröffentlichte Informationen an das Publikum getragen hat.

Durch die Veröffentlichung einer vorgeblichen Übersetzung meines Buches, von dessen Erscheinen ich durch das Internet erfahren habe, hat der Peter Hammer Verlag nicht nur das Publikum getäuscht, indem er es glauben machte, ich sei die Autorin, sondern hat auch meinen Namen diskreditiert, meine Arbeit als Historikerin vernichtet und meinen Ruf als schwarze Intellektuelle geschädigt; das alles ohne Bedenken. Auch deswegen kämpfe ich. Ich werde ihnen nicht mein Werk überlassen, trotz aller Hindernisse des Verfahrens und dem Druck mit dem Ziel mich einzuschüchtern.

Was raten Sie denjenigen, die an Ihrem Werk in deutscher Sprache interessiert sind und es gern zu Weihnachten verschenken würden?

 

Ich ersuche all jene, die Meinungsfreiheit und Achtung vor geistigem Eigentum als einen Wert ansehen, diese Fälschung nicht zu kaufen, die in Wirklichkeit ein gefährliches Werk intellektueller Manipulation darstellt. Diejenigen, die Französisch lesen können, sollten sich eher die Originalversion über amazon.fr besorgen. Wissen Sie, mein Buch hat 300 Seiten. Doch zwei Drittel des Werks wurden gefälscht und durch Dinge ersetzt, die ich nie geschrieben habe. Mehr als 400 Absätze des Originals wurden gestrichen oder total verändert, ohne dass diese Leute auch nur einmal meine Zustimmung für irgendeine Modifikation eingeholt hätten und obwohl sie wussten, dass ich absolut gegen jede Veränderung meines Textes war. Schlimmer noch, in einer revisionistischen Vorgangsweise, die darauf abzielt, wichtige Ereignisse in der Geschichte Afrikas und der schwarzen Frauen, um die es geht, zu negieren und zu verschleiern, haben sie viele Informationen verstümmelt oder zensiert; sie haben Daten, Sachverhalte und Namen verändert und eine gewisse Konfusion im Text gesät. Sie haben sogar wichtige Gegebenheiten durch Unwahrheiten und fantastische Behauptungen ersetzt, deren Quellen nie zitiert werden und von denen ich im Zuge meiner Recherchen nie etwas gehört habe.

In Königinnen Afrikas hat es sich auch erlaubt, Klischees rassistischer Art, wo man eine afrikanische Bevölkerung als kannibalisch bezeichnet, wo man erzählt, dass afrikanische "Häuptlinge" der Vergangenheit keine Stühle kannten und sich auf den Rücken ihrer Sklaven setzten, und wo man versucht, gewisse emblematische Figuren der afrikanischen Geschichte lächerlich zu machen. Kann man hier wirklich von Ungeschicklichkeit oder Inkompetenz sprechen? Ich glaube nicht. Diese Leute haben sich darauf versteift, einen Beitrag zum Bruch mit der formatierten Sichtweise des präkolonialen Afrikas zu dekonstruieren, deren Ursache eine gewisse westliche Bildersymbolik ist.

Sollte dies eine Warnung für Forscher sein, die sich anmaßen, sich ihre Geschichtsschreibung wieder aneignen zu wollen? Ich bestehe auf der Ansicht, dass man heutzutage derartig schwerwiegende Manipulationen nicht unterstützen dürfte. Und ich verlange nur eine einzige Sache, nämlich dass man meine durch dieses zweifelhafte Produkt verhöhnte Würde und mein vernichtetes Werk wiederherstellt.

Danke für das Interview

Danke auch für Ihr Interesse

 







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