Kategorie: Sport

Matthew Booth
Matthew Booth ist der einzige weiße WM-Spieler Südafrikas – und mit einer Schwarzen verheiratet
JOHANNESBURG - Die spanischen Kommentatoren waren schockiert. Im vollen Stadion in Johannesburg tönten die Vuvuzelas, die afrikanischen Fußballtröten, wie ein gigantischer Bienenschwarm, auf dem Feld kämpfte Südafrikas Nationalmannschaft „Bafana Bafana“ um jeden Ball. Doch kaum hatte der hellhäutige Verteidiger mit der Nummer 14 den Ball ergattert, ging ein Raunen durch die Mengen. Es klang wie „Buuuuhhh“. Ausgebuht? Der einzige weiße Spieler in der Mannschaft? Rassismus? Und das nur wenige Jahre, nachdem das Apartheid-Regime abgedankt hatte?
Das war während des Confed-Cups 2009 in Südafrika. Zur Fußball-WM wissen es die Kommentatoren besser: Die Fans buhen den Mann nicht aus, sie feuern ihn an. Und zwar gemäß der afrikanischen Fußballtradition mit seinem Nachnamen: Booth. Für ungeübte Zuhörer mag das wie ein Buhen klingen.
Matthew Booth, 33 Jahre alt, hört seinen so in die Länge gezogenen Namen oft. Er ist einer der besten Spieler, den das zwar geliebte, aber leider glücklose Nationalteam aufzubieten hat. Nicht nur wegen seiner hellen Haut ist er auf dem Spielfeld kaum zu übersehen: Mit einer Größe von 1,98 Metern überragt er alle. Sein kahlrasierter, etwas eiförmiger Kopf sticht aus der Schar der schwarzen Teamkollegen hervor. In seinem Heimatland Südafrika wird Booth wie ein Held verehrt – trotz oder vermutlich gerade wegen seiner Hautfarbe. Sie nennen ihn den „sanften Riesen“ oder mit Blick auf seine Verteidigerqualitäten einfach nur die „Wand“. Er selbst sagte vor kurzem, dass er sich als einziger weißer Spieler nicht in der Minderheit fühle, sondern geehrt sei, sein Land repräsentieren zu dürfen.
Fußball gilt in Südafrika als Sport der Schwarzen. Die Weißen schauen sich lieber Rugby und Cricket an. Das ist zum einen ein Vermächtnis der britischen Kolonialherren. Zum anderen wurden Rugby und Cricket während des Apartheid-Regimes subventioniert; für den Fußball gab es kein Geld. Ein weißer Fußballer ist eine Besonderheit. Um Booth reißen sich daher nicht nur die Sportreporter, sondern auch die Boulevardzeitungen. Der Mann kickt nämlich nicht nur gut, er kann auch mit Glamour aufwarten – fast wie ein südafrikanischer Beckham. Und dann ist er auch noch mit einer schwarzen Frau verheiratet. Einer wunderschönen noch dazu. Und hat zwei karamellbraune Kinder. Besser hätte es sich kein Werbestratege ausdenken können. Die Booths lassen sich auch prima als Beleg dafür vermarkten, dass der Traum Südafrikas von einer friedlichen „Regenbogennation“ doch noch nicht ausgeträumt ist.
Sonia Bonneventia-Booth und ihr Mann Matthew wuchsen zwar im selben Land auf, aber in zwei Welten, die kaum gegensätzlicher sein konnten. Matthew wurde 1977 geboren. In diesem Jahr gab es mehrere Bombenattentate von Widerstandskämpfern; die Nationale Partei wurde in einer allgemeinen, aber rein weißen Wahl wiedergewählt. In Matthews Geburtsort Fish Hoek, einem malerischen Flecken nahe Kapstadt, spürte die dortige überwiegend weiße Bevölkerung wenig von der brodelnden Stimmung in den Townships.
Booth spielt seit dem fünften Lebensjahr Fußball, obwohl an seiner Schule alle möglichen Ballsportarten angeboten wurden, aber ausgerechnet diese nicht. Fußball war von 1984 an der erste Sport in Südafrika, bei dem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielte. Im Alter von 18 Jahren startete der Hüne Matthew seine Karriere bei dem Verein Cape Town Spurs, wechselte einige Jahre später zu den Mamelodi Sundowns, einem Erstligisten aus Pretoria, der oft mit dem englischen Edelverein Chelsea verglichen wird. Mittlerweile gehören die Mamelodi Sundowns dem ersten schwarzen Milliardär in Südafrika, Patrice Motsepe. Wie so viele Profisportler in Afrika lockte Booth bald das Ausland. Drei Jahre lang war er in Russland bei Rostow unter Vertrag, vier weitere Jahre bei Kryljia Sowetow Samara, bevor er unter dem Jubel seiner heimischen Fans zu den Mamelodi Sundowns zurückkehrte. Sonia erinnert sich mit gemischten Gefühlen an Russland. „Meine Hautfarbe hat das Leben dort etwas unangenehm gemacht, weil ich immer angestarrt wurde. Kinder sind zu mir gekommen, um mich anzufassen. Es war seltsam.“
Sonia stammt aus Soweto. Dort lebte sie als Kind mit ihrer Mutter und bis zu neun Cousins in einem Haus mit zwei Schlafzimmern. „Es herrschte absolutes Chaos, aber es war eine glückliche Kindheit.“ Womöglich wäre sie nie aus dem Township herausgekommen, hätte ihre Mutter sie nicht schon im Alter von acht Jahren zu Schönheitswettbewerben geschleppt. Das Töchterchen gewann einen Titel nach dem anderen, wurde in der Miss-South-Africa-Wahl zur ersten Prinzessin gekürt. Mit 18 ging sie nach New York, lernte, dass dort Schwarze und Weiße relativ normal miteinander leben, und begann eine internationale Model-Karriere.
Für den Fußball hatte auch sie sich schon als Kind begeistert. Indirekt war es der Sport, der sie mit Matthew zusammenbrachte. Die beiden trafen sich vor zehn Jahren, als Sonia auf die Kinder eines befreundeten Fußballers aufpasste. Am Abend holte der die Kinder wieder ab und brachte Matthew mit. Sechs Jahre später wurde geheiratet. „Er war schüchtern, bescheiden und bodenständig. Das hat mir gefallen.“
Auch wenn die Rassentrennung in Südafrika abgeschafft ist, spielt die Hautfarbe im täglichen Leben noch eine große Rolle – allerdings anders als früher. Ein Unternehmen, das keine schwarzen Anteilseigner hat, kann sich faktisch aus dem Geschäftsleben verabschieden. Die Chancen für Weiße in der Politik sind marginal. Und im Radio wird an manchen Tagen unendlich lang über „echte“ Schwarze und „Coconuts“ diskutiert. Kokosnuss ist der Spitzname für einen Menschen, der außen schwarz ist, aber tief drinnen einen europäischen, also weißen Lebensstil schätzt. Gemischte Paare sieht man nur selten. Zumindest in den höheren gesellschaftlichen Schichten sorgen sie jedoch nicht mehr für Aufsehen wie noch vor einigen Jahren. Allgemein akzeptiert ist, dass Wohnungsminister Tokyo Sexwale mit der blonden Judy van Vuuren verheiratet ist. Die Anwaltsgehilfin hatte der frühere Widerstandskämpfer auf der Gefängnisinsel Robben Island kennengelernt.
„Wir sind ungewöhnlich, aber es ist nicht mehr wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Wir haben keine negativen Erfahrungen gemacht, weil wir ein gemischtes Paar sind“, sagt Sonia. Ihre eigene Familie sei ohnehin aufgeschlossen. Der Gatte tut aber wohl auch alles, was sich schwarze Schwiegereltern wünschen: lernt Zulu, schlachtet zu den ersten Geburtstagen seiner Söhne ein Schaf. Und bei seinen Fans sammelt er Bonuspunkte, weil er vor jedem Betreten des Spielfeldes mit der Hand den Rasen berührt und damit Mutter Natur und den Vorfahren dankt. Umgekehrt fährt seine Frau nach eigenen Angaben gerne in das Ferienhaus nahe Kapstadt. Das ist nicht selbstverständlich: Die „Mother City“ wird von vielen schwarzen Südafrikanern gemieden, weil sie als zu europäisch gilt. F.A.S. (Von Claudia Bröll)
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Quelle: Märkische Allgemeine



