Datum: 10.11.08 22:21
Kategorie: Kolumnen

Von: Jean-Baptiste Pente

Cheikh Anta Diop - Ein liebgehaßtes Genie

Cheikh Anta Diop ist zweifelsohne der Vater der afrikanischen und neoklassischen Historiagrpahie. Als Nuklearphysikspezialist, Historiker, Linguist, Anthropologe, Archäologe, Soziologe, Ägyptologe, Philosoph und entschiedener AntiHEGELianer, entwickelte er eine Methode, mit der den Melaningehalt in der Haut auch nach Millionenjahren festgestellt werden kann. Seine Werke findet man kaum in der Afrika-Abteilung der europäischen Universitätsbibliotheken. Schlimmer noch, Afrika wird immer noch an den europäischen Universitäten nach dem kolonialen, eurozentristischen, HEGELschen, GOBINEAUschen, HUMEschen Muster dargestellt und gelehrt. Der eurozentristische Afrikanismus – vertreten durch westliche AFRIKANISTEN – ist nicht nur  Betrug, sondern die Hinrichtung der klassischen Historiographie, die ewige Unterwerfung der afrikanischen Völker. Dieser Zynismus muss zu Grabe getragen werden. Nur auf diese Weise haben die afrikanische Völker eine Chance, sich selbst neu zu entdecken, ihre eigene Zukunft nach ihrem eigenen Paradigma zu gestalten.  

Über Diop schrieb der französische Ägyptologe und Historiker Jean Devisse :

„Wenige Historiker haben soviele überkommene Ideen umgeworfen, soviele Perspektiven umgestürzt und so viele neue Wege der Forschung eröffnet.“ (1)

Es ist interessant daran zu erinnern, dass Prof. Jean Devisse früher eines der schärfsten europäischen Kritiker Diops gewesen ist. Prof. Devisse machte sein deutliches mea culpa 1986 bei einem Kolloquium in Yaounde/Kamerun bekannt:

„Man muss es deutlich sagen, es fällt den Europäern und Nordamerikanern, den nordischen Völkern trotz allen Fakten nicht nur schwer zu akzeptieren, dass die Menschheit in Afrika entstanden ist, sondern auch anzuerkennen, dass die Afrikaner irgendetwas geschafft haben, das dem der Europäer gleichwertig oder es übertrifft. Dies liegt ohne Zweifel an unserer Erziehung ............(.......).....Es geht nicht um einen Krieg oder eine Kapitulation meinerseits oder von irgendwem. Nein, darum geht es nicht und ich danke Prof. Cheikh Anta Diop sehr, mir einen anderen epistemischen Weg gezeigt zu haben. Es geht nicht um eine Konfrontation zwischen „Weissen“ und „Schwarzen“, „Gelben“ und „Weissen“, nein darum geht es überhaupt nicht. Wir stammen einer gleichen Humanität ab und es geht lediglich darum, die wahre Chronologie der Menschheitsgeschichte zu etablieren“. „Dieses Phänomen ist enorm, zum ersten Mal in unserer Geschichte ist es mehr denn je notwendig, alle Kulturen in ihrer Essenz, von ihren Wurzeln ausgehend zu rehabilitieren, ich meine insbesondere die Kulturen der schwarzen Völker, die zweifelsohne die ersten der Menschheitsgeschichte gewesen ist. In diesem Sinne können wir eine universelle Gesellschaft aufbauen, die nicht mehr auf Konfrontation wie in der Vergangenheit, sondern auf Kooperation ausgerichtet ist. Eine Gesellschaft also aufzubauen, die einen eventuellen universellen, kulturellen Anspruch hat “. (2)

 Cheikh Anta Diop war geliebt, weil er durch sein mächtiges Wissensimperium in vielen Wissenschaftsgebieten bahnbrechend der Forschung neue Wege eröffnet, die Grenzen dieser Fachgebiete sprengt, und zeigt somit wie die Summation einzelner Wahrscheinlichkeiten durch hermeneutische Interdiziplinarität zu konkreten „ Fakten“ gewonnen werden können.

 Gehaßt, weil er besonders den Eurozentrismus samt seiner perfiden Methoden (dazu gehört die größte Geschichtsfälschung der Menschheitsgeschichte) entlarvt. Seine Untersuchungen und Veröffentlichungen schlugen wie eine Bombe auf die seit geraumer Zeit von Selbstsicherheit und Überlegensheitsgefühl geprägte europäische und nordamerikanische Historiker- und sogenannte Ägyptologen-Zunft ein. Die Mächtigen-Status-quo-Hüter in Europa und Nordamerika machten mobil, um diesen enfant terrible zu diffamieren und zu isolieren. Keiner von diesen sogenannten Experten traute sich aber ihm ernsthaft auf einer wissenschaftlichen Ebene entgegen zu treten.

Die Inquisitoren wußten und konnten nur eins: Seine antiken Quellen, die zum größten Teil von antiken-griechischen Historikern und Philosophen selbst stammen (Herodotus, Diodorus v. Zizilien, Aristoteles, Platon, Lukian, Aischylos, Strabon, Jamblikus/der Biograph von Pythagoras etc...), klein zu reden. Die der Forschung neu eröffneten Wege wurde offiziell ignoriert und kurzerhand totgeschwiegen. Dies ist purer Rassismus, der mit einer Verschwörung gegen die afrikanischen Völker zusammenhängt (Rassentheorien, Versklavung der Afrikaner, physischer und kultureller Genozid).

Wobei gesagt werden muss, dass mit Hilfe der UNESCO einige internationalen/westlichen Gelehrten (die Creme de la Creme der Ägyptologie, Archäologie und Geschichte) sich bereit erklärten, zwecks Neuschreibung der Geschichte Afrikas, an dem dafür vorgesehenen Kolloquium teilzunehmen. Dies führte zu einem sehr erfolgreichen internationalen Kolloquium 1974 in Kairo/Ägypten. Cheikh A. Diop und sein bekanntester Schüler Prof. Theophile Obenga (heute Lehrstuhlinhaber der Afrika-Studien an der Staatsuniversität von San Francisco in den USA) demonstrierten noch einmal ihre Gelehrsamkeit mit ihren akribischen, bis dahin unbekannten neuen Forschungsmethoden und Ergebenissen. Prof. Jean Devisse (Frankreich) fasste das Ergebnis wie folgt zusammen:

„Although the preparatory working paper sent out by Unesco gave particulars of what was desired, not all participants had prepared communications comparable with the painstakingly reseached contributions of Professors Cheikh Anta Diop and Obenga. There was consequently real lack of balance in the discussions... The symposium also enabled specialists who had never previously had the opportunity of comparing and contrasting their points of view to discover ohter approches to problems, other sources of information and other lines of research than those to which they were accustomed.“ (3)

 Die westlichen Wissenschaftler, die an dem Kolloquium teilgenommen hatten, empfahlen, den Forschungsmethoden DIOPs und OBENGAs zu folgen. Dies stieß jedoch nur auf taube Ohren. So wurden sie perfid aus der akademischen Zunft verdrängt oder verspottet. Dieses Verhalten erinnert mich an das Schicksal Bruno Giordanos (1463), der bei lebendigem Leib verbrannt wurde, weil er die Ansicht vertrat:

 „Wir Griechen“- er nannte sich Grieche, weil er sich in dieser Tradition sah - „danken Alt-Ägypten, der großen Monarchie der Erziehung und des geistigen Adels, dass sie der ANKH (Leben, Kraft) unserer Fabeln, Metaphern und Lehren ist.“ (4)

 

Auch Prof. Martin Bernal (1987, 1999, 2002), ein namhafter englischer Historiker, der in den USA lehrt, wäre beinah gesteinigt und seine Bücher verbrannt worden, weil er in seinen Werken (Black Athena, The Afroasiatic Roots of Classical Civilization, The Fabrication of Ancient Greece 1785-1985,Vol. I und II) den Eurozentrismus und die massive Geschichtsfälschung Afrikas aus rassistischen Gründen denunziert.

 

Martin Bernal schreibt:

 

 

Im Zentrum meines Projekts mit dem allgemeinen Titel Schwarze Athena ist der Ursprung der antiken griechischen Zivilisation. Erstens, es ist heuristisch ergiebig, das antike Ägypten als eine afrikanische Zivilisation zu sehen. Zweitens sollte man die Ansicht der alten Griechen akzeptieren, dass Ägypten und Phönizien eine zentrale Rolle in der Bildung ihrer höheren Kultur gespielt haben. Drittens, dass europäische und nordamerikanische Forscher diese beiden Punkte seit dem frühen 19. Jahrhundert geleugnet haben, lässt sich eher in ideologischen Begriffen als in ernsthaft akademischen erklären.“ (4)

 Dieser Narzissmus und die Torheit der „Europäer“ und „Nordamerikaner“ konnten das „afrikanische Genie“ nicht einschüchtern, im Gegenteil, das Galileo-Syndrom erfasste ihn, er setzte unermüdlich und mit voller Intensität den Ausbau seines Forschungs-und Wissensimperiums fort, und beteuerte 1985 in Niamey/Niger vor einer afrikanischen Schülerversammlung: „...BILDET EUCH! BEWAFFNET EUCH MIT WISSEN BIS AN DIE ZÄHNE UND EROBERT EUER SEIT JEHER MYSTIFIZIERTES KULTURELLES ERBE ZURÜCK...“ Ja, unser kulturelles Erbe als Kodex für die Gegenwart? Was ist ein Mensch ohne „Vergangenheit“ ? Ist eine „normale“ Gegenwart ohne oder mit falscher Vergangenheit möglich? Wie könnte eine solche Gegenwart aussehen? CHAOTISCH, ZIELLOS, RESIGNIERT wie im Falle des heutigen AFRIKA ? Oder GRÖßENWAHNSINNIG und PARANOID wie im Falle EUROPAS und NORDAMERIKAS, die sich eine glorreiche Vergangenheit fabriziert haben ? In diesem Sinne rufe ich genauso alle Afrikaner des Kontinents und der Diaspora auf, sich ihres gestohlenen kulturellen Erbes bewußt zu werden, sich solides Wissen anzueignen und den Kampf gegen die Geschichtsfälschung wissenschaftlich, politisch und kulturell kompromißlos fortzusetzen. Dieser Kampf sollte dazu führen, sich für eine radikale Reform der afrikanischen Schulsysteme und Lehrinhalte einzusetzen, die sich seit der Kolonialzeit kaum geändert haben. Diesbezüglich haben die afrikanischen politischen Eliten – ohne Ausnahme – nicht nur versagt, sondern ihre Unfähigkeit erwiesen.

 

Was mich besonders an dem Verhalten der Europäer stört, ist , dass wenn man sich mit der klassischen Geschichtsschreibung der Antike, insbesondere der der Alten Griechen, befaßt, stellt man erstaunlicher Weise fest, dass Europa weder die „klassische“ Philosophie, eine Weltreligion noch die Naturwissenschaften (Mathematik, Chemie, Astronomie, Physik) begründet hatte, dass Europa bis auf die Griechen, die schon ca. 1400 v. Chr. von den Afrikanern unter der Führung des Pharaos SESOSTRIS kolonisiert wurden, nur ein dunkler Fleck gewesen war. Nach den griechischen Quellen kamen fast all die griechischen Errungenschaften aus Afrika, KEMET (Altägypten), bei den Schwarzen (KAMIT), wo die griechischen Philosophen studiert hatten. Auch Thales, der erste griechische Philosoph hatte zuvor jahrelang in Afrika studiert. Herodot bezichtigt in seinem Buch II sogar die griechischen Philosophen, insbesondere Platon und Pythagoras des Plagiats, sie würden mit den Lehren der Afrikaner als ihre prahlen.

 

(1)Jean Devisse in : „Encylopaedia Universalis“, Universalia 1987, Paris, S. 546-547

(2) zitiert von Jean-Marie Essomba in: Cheikh Anta Diop et son dernier message à l´afrique et au monde, AMA/COE, Yaoundé, 1996, S.88). Anm.: Eigene Übersetzung aus dem Französischen

(3) The Peopling Of Ancient Egypt And The Deciphering Of The Meoroitic Script, Diop, Leclant, Obenga, Vercouter, Karnak Egyptology / African Studies,USA, 1997, The book was originally published by Unesco in 1978

(4) Martin Bernal (Hrg.), Schwarze Athena – Die Afroasiatischen Wurzeln der Griechischen Antike – Wie das klassische Griechenland erfunden wurde, List Verlag, München, 1992







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